Theresa Rath

Autorin

Gut angekommen

Hinterlasse einen Kommentar

Als ich die Tür hinter mir zuziehe, überwältigt mich die Stille. Ich trete ans geöffnete Fenster und spüre den kalten Luftzug auf meiner Haut. Draußen fällt der Schnee in dicken, weichen Flocken. Kein Geräusch dringt von der Straße nach oben. Nur einmal höre ich kurz, wie einer von euch im Bad das Wasser an und dann wieder ausstellt. Es folgen Schritte. Eure Schlafzimmertür schließt sich. Einen Augenblick lang noch dringen eure Stimmen zu mir herüber, dann ist auch das vorbei. Vorsichtig streife ich mir die Kleider vom Körper und ziehe mir ein Nachthemd über. Dann krieche ich zwischen die Decken des Gästebetts, das ihr mir vorbereitet habt. Die Laken sind flauschig und mir wird augenblicklich warm, als ich meinen Kopf in den Daunenkissen vergrabe und die Knie an den Körper ziehe. Mit geöffneten Augen liege ich da, spüre den fremden Stoff auf meiner Haut und lausche in die Stille eurer Wohnung hinein. Bilder des Abends wiederholen sich in meiner Erinnerung. Jasper schlingt seine kleinen Ärmchen um meine Beine, als ich mit meinem Koffer in den Flur trete. Tom trägt einen großen Topf Pasta ins Wohnzimmer und öffnet eine Flasche Wein. Abwechselnd schiebt ihr ein paar Nudeln in Jaspers verschmierten Mund, während er unaufhörlich plappert und kaum zu bändigen ist vor Aufregung darüber, dass ich da bin. Als er schließlich schlafend in seinem Bettchen liegt, sitzen wir zu dritt auf eurem Sofa und erzählen Geschichten, von früher, von jetzt, von der Zukunft. Tom sieht dich auf eine Weise an, wie mich vielleicht noch nie jemand angesehen hat. Mir ist wohlig zumute vom Wein und eurer Gesellschaft. Ich komme zur Ruhe bei euch, in eurer Gesellschaft. Eurer Leben ist gleichmäßig, in euren Räumen hat alles einen festen Platz und eine bestimmte Zeit. Ich entspanne mich und zum ersten Mal seit Wochen hat beim sanften Licht eurer Wohnzimmerlampe mein Kopf aufgehört sich zu drehen. Nur jetzt, kurz vorm Einschlafen, während ich den Geruch der frischen Bettwäsche einsauge und versuche, mein Herz langsamer schlagen zu lassen, durchfährt mich kurz ein Gefühl, von dem ich nicht genau sagen kann, was es ist. Ich drehe mich noch einmal zur Bettkante und angle mit einer Hand mein Handy vom Fußboden. Keine neuen Nachrichten. Ich weiß auch nicht, worauf ich eigentlich gewartet habe. Schlaf, beschwöre ich mich und lege mein Bein über eines der großen, weichen Kissen. Dann schließe ich die Augen und denke ans Meer, bis sich das imaginäre Rauschen der Wellen schließlich mit meinem eigenen Atem vermischt.

Ein anderer Monat, eine andere Stadt, andere Menschen. Ihr beide habt vor ein paar Monaten geheiratet. Ich war dabei und habe abgesehen von einigen verschwommenen Kindheitserinnerungen meine erste Hochzeit erlebt. Viele Menschen, viel Musik, viel Alkohol und vor allem eine Menge Essen und ein Toast nach dem anderen. Nichts für mich, denke ich. Oder doch? Heute bin ich zum ersten Mal zu euch in eure neue Wohnung gefahren. Ihr habt es euch bereits gemütlich eingerichtet. Als ich ankomme, stellt mir Paul als erstes einen Teller heißer Suppe hin, denn ich bin vollkommen durchgefroren. Ihr zeigt mir die Pflanzen, die ihr diese Woche erstanden habt, in einem besonderen Blumentopf, der irgendwas zur Sauerstoffproduktion beitragen soll. Zuerst fühle ich mich fremd und weiß mit alledem, mit eurer Häuslichkeit und eurem Erwachsenenleben wenig anzufangen. Dann aber packen wir unsere Sachen und fahren in euer Fitnessstudio, in dem ihr Zutritt zu einem riesigen Saunabereich habt. Ich sitze zwischen euch in einem grünen Bademantel, den ihr mir geliehen habt, wir trinken heißen Tee mit viel Zucker aus großen Gläsern und unterhalten uns über damals, als wir gemeinsam studiert haben. Am Abend kommen weitere Freunde von früher. Wir kochen und beinahe fasziniert betrachte ich eure Gewürzsammlung. Ich denke an meine eigene Küche, in der außer Salz und Pfeffer und getrocknetem Oregano nichts zu finden ist, während Paul eine riesige Schüssel Salat auf den Tisch stellt und mir ein Glas Bier in die Hand drückt. Die ganze Küche ist erfüllt von Lachen und fröhlichen Stimmen. Als die Gäste gegangen sind, zieht ihr mir die Schlafcouch im Wohnzimmer aus. Ihr drückt mir ein riesiges Handtuch in die Hand und fragt, ob ich noch etwas brauche. Ich schüttele den Kopf und umarme euch beide. Wie schön es ist, bei euch zu sein. Dann schließe ich die Tür hinter euch und suche in meinem Koffer nach meinem Pyjama. Weil ich ein wenig friere, schlage ich noch eine der Wolldecken, die am Fußende des Bettes liegen, über die dünne Sommerdecke, die ihr mir gegeben habt. Dann liege ich auf dem Rücken und blicke in die Dunkelheit. Ich fühle mich gut aufgehoben. Der Gedanke, dass ihr im Zimmer nebenan in eurem Ehebett liegt und wir uns morgen in der Küche zum Kaffee treffen werden, beruhigt mich. Trotzdem will der Schlaf nicht gleich kommen. Aus irgendeinem Grund denke ich an euer Auto und an die Fußmatte vor eurer Tür. Ich denke an die zwei Zahnbürsten, die nebeneinander in eurem Zahnputzbecher stehen. Ich denke daran, wie ihr den Abwasch macht, so aufeinander eingespielt, als hättet ihr nie irgendetwas anderes gemacht. Ich denke daran, wie ihr euch neckt und manchmal auch streitet, sogar vor mir, und wie ich dennoch dabei nie auch nur einen einzigen Augenblick ein unangenehmes Gefühl im Bauch habe. Wieder wandert meine Hand wie von einer fremden Kraft gesteuert zu meinem Handy, das neben mir auf der Matratze liegt. Ich habe neue Nachrichten auf Instagram. Mit einem leisen Seufzer lege ich das Telefon weg und rolle mich auf den Bauch. Euer Leben wäre nichts für mich, denke ich. Ich will nicht, dass es etwas für mich wäre. Ich will es nicht wollen, denn ich weiß nicht, ob ich es jemals werde haben können.

Ich schlafe in fremden Betten. In Gästebetten. Manchmal sind sie weich, manchmal sind sie hart. Manchmal friere ich ein wenig in der Nacht und manchmal werfe ich die Decken im Schlaf von mir. Morgens tapere ich verschlafen in Küchen und der Kaffee wird mir von euch, meinen Freunden, hingestellt. Ich lache mit euch und begleite euch bei den Dingen, die ihr tut. Ihr seid entzückend zu mir und am Ende verlasse ich euch manchmal mit Tränen in den Augen. Ich würde euch für nichts auf der Welt eintauschen. Die Besuche bei euch sind erleichternd, bereichernd, erwärmend. Nur in den Sekunden, in denen ich abends auf euren Sofas, in euren Betten, auf euren Matratzen liege, während ihr ein Zimmer weiter schlaft und wisst, dass ihr Zuhause seid, wandert meine Hand unweigerlich zu meinem Handy, als gäbe es dort irgendetwas zu entdecken. In diesen Momenten, kurz vorm Einschlafen, wenn mein ruheloser Geist wieder die Oberhand gewinnt, erkenne ich, was ich mir wünsche: Vielleicht will ich euer Leben nicht, vielleicht wäre es nichts für mich, vielleicht noch nicht. Aber ich wünsche mir doch, dass es jemanden auch in meinem Leben gäbe, dem ich, wenn ich auf meine kleine Reisen gehe, diese eine Nachricht schreiben könnte: Ich bin gut angekommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s