Theresa Rath

Autorin

Schneematsch und Filme

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Erst, als ich im Zug nach Heidelberg sitze, stelle ich fest, dass ich noch immer meine Schlafanzughose trage. Am rechten Bein ist der karierte Flanellstoff aus dem Schaft meines abgewetzten Lederstiefels gerutscht und am Saum mit Schneematsch bespritzt. Die Röte steigt mir ins Gesicht, als ich den Stoff schnell zurück in den Stiefel stopfe und meinen Mantel möglichst weit in Richtung meiner Schienbeine ziehe. Ich frage mich schon lange nicht mehr, wie mir das passieren konnte. Die Schlafanzughose im ICE ist nur einer in einer langen Reihe unzähliger unglücklicher Vorfälle, die wie ein Gewitter in den letzten Wochen über mich hereingebrochen sind. Um ehrlich zu sein, sind es genau diese Vorfälle, die mich dazu getrieben haben, heute Morgen Hals über Kopf ein Ticket nach Heidelberg zu buchen und mich auf der Arbeit krank zu melden. Ich muss einfach mal raus, andere Luft atmen, den Kopf frei kriegen. Vielleicht vertreibt dieser kleine Ausflug die Wolken, die mir seit so langem schon den Verstand vernebeln.

Ich denke an eine Serie, die ich gestern und vorgestern von Anfang bis Ende auf Netflix gesehen habe, während ich einen Vortrag für eine Konferenz hätte vorbereiten und einen Beitrag für eine Literaturzeitschrift hätte schreiben sollen. In der Serie ging es um eine depressive Schriftstellerin mit Schreibblockade. Ganz anders als in meinem eigenen Leben hatten Depression und daraus resultierende Schreibblockade dieser jungen Dame etwas geradezu Beneidenswertes an sich. Für einen Moment war ich sogar versucht gewesen, mich auch einmal in diesen Zustand hinein zu wünschen, bis mir aufging, dass ich mich in genau diesem Zustand befand. Nur eben nicht auf Netflix, sondern in der schnöden Realität. Und das schon seit Monaten.

In amerikanischen Serien sehen die von psychischen Krankheiten geplagten Intellektuellen aus unerfindlichen Gründen immer auf nonchalante Weise sexy aus mit ihren sanft fallenden karierten Holzfällerhemdchen und den lose hochgesteckten Haaren. Ich dagegen komme seit Wochen kaum mehr aus dem Pyjama, wie man am heutigen Zugmissgeschick eindrucksvoll erkennen kann. Die Haare habe ich mir in einem Anfall von Selbsthass kurz geschnitten, da ich mit dem Waschen nicht mehr hinterherkam und Körperpflege ohnehin zu einer kaum mehr zu bewältigenden Aufgabe geworden ist. In Hollywood-Movies erleben die von Kreativitätsflauten und Suizidgedanken Geplagten die wildesten Abenteuer während ihrer Downs. Anstatt zu schreiben, wanken sie von einer fancy Cocktailparty auf die nächste und brechen am Ende phänomenaler Nächte auf irgendwelchen Wolkenkratzerdächern mit Blick über die gesamte in Sternenlicht getauchte Großstadt in den Armen des Boyfriend-to-be in entzückende, mascarafreundliche Tränen aus. Sie schütten Ken ihr Barbieherz aus und er zaubert irgendein kitschiges, lebensveränderndes Zitat aus den Siebzigern aus dem Ärmel, das allen Kummer vergessen sein lässt und die Welt zurück in die Fugen hebt. Ich dagegen sage seit Wochen kaum noch ein Wort und erschrecke beim Klang meiner eigenen Stimme, die aufgrund des halben Päckchen Tabaks, das ich täglich rauche, einen kratzigen Klang angenommen hat. Anstatt meine Depression mit sündhaft teuren Cocktails aus farbenfrohen Strohhalmen wegzunippen und dabei mit tränenverschleiertem Blick auf die New-Yorker-Skyline zu starren, ersäufe ich sie jeden Abend mit drei Litern Billigbier alleine an meinem Fenster, wo ich mir den Arsch abfriere, weil ich mich nicht dazu durchringen kann, den Hausmeister anzurufen und ihm zu sagen, dass die Heizung kaputt ist. In meinem Zimmer stapeln sich leere Fast-Food-Verpackungen neben angebissenen Broten und vollen Aschenbechern. Kein Prinz-Charming würde auch nur einen Fuß in meine Höhle setzen, um mir zur Hilfe zu eilen.

Und im Gegensatz zu den Netflix-Depressiven, denen im dunkelsten Moment die Erleuchtung kommt, die zum künstlerischen Durchbruch und damit zum ewig ersehnten Book-Deal führt, ist die einzige Erleuchtung, die ich in den letzten Wochen hatte, die folgende: Ich habe keinerlei Interesse am Schreiben oder an irgendetwas sonst. Das mit dem Schreiben war eine Schnapsidee, so wie alle übrigen Ideen, die ich in Bezug auf die Verwendung meiner Lebenszeit bisher hatte, um die gähnende Leere in meinem Inneren zu überdecken. Jedes Wort, das ich aufs Papier bringe, ist eines zu viel. Und selbst wenn irgendjemand das lesen wollte, was ich schreibe, was würde das für einen Unterschied machen?

Der Nihilismus hat mich also eingeholt. Netflix hat mir ins Gesicht geschlagen und mich angeschrien, dass das Leben kein Märchen ist. Und ich – vor der Entscheidung stehend, ob ich mich lieber aus dem Fenster meines verkommenen Appartements im vierten Stock stürzen oder die Einladung einer Freundin zu ihrem dreißigsten Geburtstag nach Heidelberg annehmen soll – habe brav in ganz nihilistischer Manier gedacht: Ob ich sterbe oder nach Heidelberg fahre, ist auch egal. Und so bin ich hier gelandet, im Großraumabteil in schlammbespritzter Schlafanzughose. Mein Koffer liegt irgendwo über mir in einem der Kofferfächer. Ich hoffe, ich habe daran gedacht, Unterwäsche einzupacken. Und eventuell auch eine richtige Hose. Genau kann ich das nicht sagen, mein Erinnerungsvermögen leidet beträchtlich unter der Depression.

Wären wir in einem Film, so würde sich jetzt jemand neben mich setzen. Ein gut aussehender, inspirierender Typ, der direkt durch mich hindurch schauen könnte, um innerhalb eines wilden Wochenendes in Heidelberg mein Leben zu verändern. Aber wir sind nicht im Film. Immerhin setzt sich jedoch einfach niemand neben mich, der meine Schlafanzughose argwöhnisch beäugen könnte. Und als der erste Ruck durch den Zug geht und dieser langsam aus dem Bahnhof rollt, atme ich tief durch. Vielleicht ist dieser Ausflug gar keine so schlechte Idee. Als der Zug zwei Stationen von Berlin entfernt ist, ziehe ich mein Notizbuch aus der Tasche. Nichts hat sich geändert. Ich habe keinen Geistesblitz. Ich habe keine plötzliche Idee für eine Geschichte, deretwegen mein wochenlanges Martyrium sich gelohnt hätte. Aber draußen vor dem Fenster rauschen bald schneebedeckte Hügel vorbei und zwischen den Wolken bricht für einen kurzen Augenblick die Sonne hervor. Also schlage ich eine leere Seite auf und beginne, zu beschreiben, was ich sehe. Ich habe kein Plot, keine Handlung, keinen Clou. Ich schreibe einzig und allein das auf, was ich sehe. Und trotzdem, nach ein paar Metern und einigen Sätzen fühle ich mich leichter.

Es stimmt. Das Leben ist kein Film. Aber das muss es auch nicht sein.

 

 

 

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