Theresa Rath

Autorin

Auf uns! – Zum internationalen Frauentag

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In Berlin ist der internationale Frauentag seit 2019 ein gesetzlicher Feiertag, wie bereits auch in einigen anderen Ländern. Doch was feiern wir da eigentlich?

An Weihnachten feiern wir in der christlichen Welt die Geburt Jesu Christi. Am ersten Januar feiern wir den Beginn des neuen Jahres. An Ostern feiern die gläubigen Christen die Auferstehung ihres Heilands und an Pfingsten die Entsendung des heiligen Geistes. Am Tag der deutschen Einheit feiern wir das Ende der jahrzehntelangen Spaltung unseres Landes. Und am 08. März, dem internationalen Frauentag, da feiern wir – ja, was eigentlich?

Feiern wir womöglich die Tatsache, dass auch in Deutschland (und grade in Deutschland) der Pay Gap noch immer bei über zwanzig Prozent liegt? Oder feiern wir, dass hierzulande alle zwei bis drei Tage eine Frau durch partnerschaftliche Gewalt stirbt? Feiern wir vielleicht, dass noch immer nicht einmal jeder zehnte Elternzeitmonat von Vätern wahrgenommen wird und Frauen so nachhaltig in ihrer Karriereentwicklung, ihrer Persönlichkeitsentfaltung und ihrer Altersvorsorge auf der Strecke bleiben, um die gemeinsamen Kinder großzuziehen?

Oder feiern wir gar weltweite Entwicklungen, ist doch dieser Tag ein internationaler Feiertag? Vielleicht ist es ja das noch immer fortbestehende Verbot von Abtreibungen, das in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Südamerikas immer noch gilt (und nicht nur da)? Feiern wir die Zwangsheiraten und Genitalverstümmelungen oder das gerade erst eingeführte Fahrverbot für Frauen in Turkmenistan?

Wenn man es sich recht überlegt, kann man sich vor Gründen zum Feiern kaum retten. Ja, es ist wirklich allerhöchste Zeit, die Korken knallen zu lassen.

Auf die Frauen, auf uns, auf unsere Rolle in einer Welt, wo es möglich ist, unser gesamtes Genmaterial für unter 100 Dollar in wenigen Stunden entschlüsseln zu lassen, und im einflussreichen Vatikan Frauen noch immer vom Wahlrecht ausgeschlossen sind. Auf eine Welt der Widersprüche. Auf eine Welt, wo der Präsidentschaftskandidat des sechstgrößten Landes zu einer Abgeordneten sagt, der einzige Grund, warum er sie nicht vergewaltige, sei, dass sie es nicht verdient habe. Auf eine Welt, in der dieser Mann dann tatsächlich Präsident wird. Auf eine Welt, in der jährlich fast fünfzigtausend Frauen aufgrund illegaler Abtreibungen sterben (Quelle: WHO), und zeitgleich zigtausende Frauen selbst sich gegen ihre Geschlechtsgenossinnen wenden, die für ein Recht auf freie Bestimmung über ihre Körper protestieren.

Am liebsten würde ich die ganze Flasche Schampus auf einmal trinken, um mich an nichts mehr zu erinnern.

Doch vorher gilt noch ein ganz besonderer Toast denjenigen, die immer noch glauben, sich lustig machen, die Frauenbewegung marginalisieren und kompromittieren zu müssen. Einen Toast auf alle Männer und ihre weiblichen Komplizinnen, die nicht nur nicht den Kampf um Gleichberechtigung unterstützen, sondern seine Notwendigkeit negieren. Auf all diejenigen, die meinen, es sei nicht nötig, auf die Straße zu gehen, und ihre Augen vor dem verschließen, was Tag für Tag und Nacht für Nacht passiert. Auf diejenigen, die noch immer die Schuld bei den Frauen suchen, wenn diese belästigt werden, mit einem lapidaren Verweis auf den zu kurzen Rock oder darauf, dass frau sich eben nicht hätte betrinken dürfen. Auf die ewigen Verfechter der Hysterie und die Prediger des „Stell-dich-nicht-so-an“. Und auch auf ihre Kompagnons, die meinen, man müsse über diese Dinge nicht reden und jede/r solle sich einfach verhalten, als sei er/sie gleichberechtigt. Auf die, die sich tagtäglich über gegenderte Sprache lustig machen, weil sie nicht verstehen können (oder wollen) wie sehr Sprache unser Denken beeinflusst.

Auf all jene, die noch nie nachts mit Angst unterwegs waren, denen noch nie jemand unaufgefordert an den Arsch gegriffen hat, die noch nie in eine dunkle Ecke gezerrt wurden gegen ihren Willen, die nicht Tag für Tag auf der Straße angequatscht werden, um „Komplimente“ entgegenzunehmen. Auf all die, die noch nie den stechenden Blick notgeiler Prädatoren auf sich spüren mussten oder gegen eine gläserne Decke gestoßen sind. Auf die, die noch nichts von all dem erlebt haben und trotzdem meinen, für die, die es erlebt haben, darüber richten zu können, wie schlimm oder wenig schlimm das ist und welches Recht sie haben, darauf zu reagieren. Auf die, die sich für unbeteiligt halten, weil sie selbst kleine Schwestern haben oder Freundinnen oder Mütter und schon deshalb nicht sexistisch sein können. Auf die, die blöde Sprüche als Witze verteidigen und auf die, die uns mehr Humor empfehlen. Lachen können wir, wenn es vorbei ist.

Am ersten Mai feiern wir den Tag der Arbeit. Dieser Tag steht – so der Gedanke – im Zeichen von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Ein Feiertag kann also auch bedeuten, der arbeitenden Bevölkerung freie Zeit zu gewähren, um für ihre Belange auf die Straße zu gehen. Den achten März in diesem Sinne zu einem Feiertag zu machen, könnte das Bewusstsein der Menschen für die Situation der Frau in unserer Welt stärken und Gelegenheit geben einen Tag im Jahr der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema zu widmen.

Am ersten Mai treffen wir uns alle in Kreuzberg, um Bier zu trinken, Ecstasy zu nehmen und Autos anzuzünden. Wenn der Tag der Frau in diese Tradition eintritt, dann reiht er sich in eine lange Reihe von Almosen ein, die der Frauenbewegung hingeworfen werden, um sie abzuspeisen. Das allerdings liegt auch an uns.

Eines aber ist klar: Zu feiern gibt es nichts.

 

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By: http://ringo.zone/ – inspieriert von Femen.

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