Theresa Rath

Autorin

I. Teilen, ohne zu herrschen

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Die gefühlte Notwendigkeit, stets Zusammenhängendes präsentieren zu müssen, führt zu Stille. Das Erlebte und Gedachte, das Gefühlte und Gewollte verliert sich im eigenen und fremden Anspruch auf Vollständigkeit. Mit meinem neuen Projekt von isolierten Schilderungen, Geschichten und Gedanken möchte ich der Stille entgegen wirken, die in einem jeden von uns wächst. Denn Stille führt zu Einsamkeit. Und ich möchte zeigen, dass Zusammenhänge nicht nur dort existieren, wo wir erzählerische Kohärenz schaffen. Vor allem aber möchte ich eines: Dem, was sich in mir bewegt, einen Raum geben, ohne dass ich dabei zur Protagonistin meiner Beiträge würde. Dies ist kein Tagebuch, es ist ein freier Raum von möglichen Realitäten, wo Erzählen mehr sein soll als bloß Mittel zu einem Zweck. Es ist eine Mit-Teilung dort, wo Schweigen sich ausbreitet und uns verschleiert und aus der Verschleierung Mauern baut. 

Mir fällt auf, dass ich nicht weiß, wie Kamelien aussehen. Das bemerke ich, als ich den letzten Absatz des Buches, das mir nach Wochen der Betäubtheit das Gefühl gibt, den Grund für diesen Zustand gefunden zu haben, noch einmal lese und schnell die Tränen wegblinzle, da ich in einem überfüllten Café sitze und mir nicht hier die Blöße geben will, zu weinen. Auch wenn es durchaus angebracht wäre, in Anbetracht dieses Absatzes. Die Kamelien tauchen immer wieder auf, zuallererst in einem Film, dessen Inhalts ich mir eben so wenig gewahr bin wie der Erscheinung einer Kamelie. Ich weiß, es gäbe andere Optionen, den Besuch des botanischen Gartens etwa und eine mehrstündige Suche nach der bezeichneten Blume. Doch letzten Endes bin ich ein Kind meiner Zeit und so krame ich aus dem Rucksack, den ich unter die Bank getreten habe, auf der ich sitze, mein Handy hervor und rufe die Suchmaske auf. „Kamelie“, tippe ich ein und frage mich, als das Bild einer rosafarbenen Blüte erscheint, ob es das ist, was ich erwartet habe. Mein zweiter Gedanke ist, dass ich diese Blume schon zigmal gesehen habe und keine Ahnung hatte, wie sie heißt. Hätte ich sie jemandem zeigen wollen, so hätte ich es nicht gekonnt, bis ich aus purem Zufall wieder einer Pflanze ihrer Gattung über den Weg gelaufen wäre. Erneut überrascht mich die Macht der Sprache. Mein dritter Gedanke ist, mir sofort eine Kamelie nach Hause liefern zu lassen, als könnte ich so einen Teil der Poesie des von mir soeben zu Ende gelesenen Buches einfangen und die tiefen Gedanken sowie das Gefühl verstanden zu sein, das mir oft nur Bücher geben können – diese treuen Begleiter, die uns, ohne uns zuzuhören, immer antworten – auf meiner Fensterbank konservieren. Mein vierter und letzter Gedanke zur Kamelie ist, dass ich eine verdammte Kapitalistin geworden bin. Als könnte man sich Verständnis und Poesie kaufen. Ich klappe das Buch zu und schiebe es mit einem Seufzer an die Tischkante, bevor ich nach der Rechnung frage. So schnell wird es mich nicht loslassen, das weiß ich. Ein Abschnitt hat mich besonders getroffen. Wie so oft ist das Schöne am Lesen nicht eigentlich, auf neue Gedanken zu stoßen, sondern vielmehr bereits selbst Gedachtes in eine andere Form gegossen wiederzufinden. Dieser Moment des gegenseitigen Erkennens ist jedes Mal wie ein lautloser Jauchzer der Freude über die gefundene Gemeinsamkeit und ich vergesse stets, dass ein Buch kein Mensch ist, sind die Bücher doch immer meine besten Freunde gewesen. Und wenn ich daran denke, dass hinter jedem Buch ein Schriftsteller steht, der es geschrieben hat, dann weiß ich, dass diese Gedanken auch ein anderer Mensch schon hatte und die Einsamkeit wird erträglicher.

Die Einsamkeit beschäftigt mich seit längerem wieder. Ich gehöre zu den Menschen, die die Einsamkeit suchen, und dabei unterscheide ich sehr wohl zwischen Einsamkeit und Alleinsein. Während Alleinsein für mich lediglich die physische Abwesenheit von anderen Menschen bedeutet, so weist die Einsamkeit eine tiefere Ebene auf, meint eine Abgeschiedenheit von der Welt als solcher und kann durchaus auch in Anwesenheit anderer Menschen erlebt werden. Die Einsamkeit meint ein profunderes Zurückgezogensein und hat immer einen leicht schmerzhaften Beigeschmack. Trotzdem suche ich sie und genieße es, einsam zu sein. Ich glaube, dass man nur in der Einsamkeit sich selbst wirklich erkennen und die eigene Bestimmung verstehen kann, wenn es denn so etwas gibt wie Bestimmung in dieser Welt ohne Sinn. Dennoch gibt es Zeiten, da die Einsamkeit sich aufbläht wie eine fette Kröte und wie ein Gewicht auf meinen Schultern liegt. Dabei bin ich im weitesten Sinne ein soziales Wesen. Ich habe Freunde, führe eine Beziehung, die mir mehr gibt als sie mir nimmt, arbeite in einem Büro, in dem ich auch von Zeit zu Zeit ein paar Worte mit meinen Kollegen wechsle, und habe Mitbewohner. Nein, an Austausch mangelt es mir nicht. Angesichts der Größe der Stadt und der Masse an Menschen, die sich Tag für Tag durch sie hindurch bewegen, sehne ich mich sogar zumeist nach meinem Zimmer, um dort endlich allein sein zu können. Nicht aber immer, um dort auch einsam sein zu können. Routine hat etwas Beruhigendes. Gleichzeitig hat sie aber auch etwas lauernd Bedrohliches, und das ist es, was mir in der letzten Zeit zu schaffen macht. In meiner Routine begegne ich Menschen mit absoluter Regelmäßigkeit. Daneben habe ich ausreichend Zeit, um mich alleine meinen Hobbies zu widmen, die da wären: Lesen, mein Klavier, Sport, Schreiben, Sprachen lernen, Musik hören. Es sind dies so kontemplative Hobbies, dass ich dabei ununterbrochen auf schöne Dinge stoße: Es kann sich um eine Passage aus einem Buch handeln, die an erhebender Schönheit kaum zu überbieten ist, wie etwa diese: „Was schön ist, erhaschen wir, während es vergeht. Es zeigt sich in der vergänglichen Gestalt der Dinge in dem Moment, da wir gleichzeitig ihre Schönheit und ihren Tod sehen. Oh, weh!, habe ich mir gesagt, heißt das, dass man sein Leben auf diese Weise führen sollte? Immer im Gleichgewicht zwischen der Schönheit und dem Tod, der Bewegung und ihrer Auflösung? Vielleicht heißt lebendig sein das: Augenblicke zu verfolgen, die sterben.[1]“ Da steckt so viel Tiefe in diesen wenigen Sätzen, so vieles, das mich beschäftigt, so viele Anstöße, die unsere Gedanken wie Kugeln in ganz verschiedene Richtungen rollen lassen können, und nur zu gerne folge ich all diesen Gedanken, verwirre mich in mir selbst und vermisse dabei doch schmerzlich ein Gegenüber, mit dem ich die Schönheit dieser Worte und ihrer Implikationen teilen könnte. Aber die schönen Dinge bestehen nicht nur aus Worten. Es kann auch ein Lied sein, oder nur der Teil eines Liedes, der mir den Tag versüßt. Wenn ich frühmorgens aufstehe und etwa dem Klavierspiel von Esbjörn Svensson lausche (Viaticum ist mein aktueller Favorit) oder dem Bassspiel von Avishai Cohen. Ich möchte in diesen Momenten die ganze Welt umarmen, denn bei allem, was dort draußen falsch und angefault ist, sind es diese Töne, die mich an Liebe glauben lassen. Und doch kommt der Punkt, wo all diese Schönheit mich einsam macht, denn ich kann sie nicht teilen. Die Routine lässt mich die Menschen treffen, ohne ihnen jedoch wirklich zu begegnen. Ich weiß nicht, woran genau es liegt, doch ich teile mich nicht mit. Anstatt mit meinen Freunden über die Vergänglichkeit und unsere Aufgabe in der Welt zu sprechen, die mich, seitdem ich mein Studium abgeschlossen habe, fast tagtäglich beschäftigt, spreche ich über die Arbeit, die ich vor einigen Monaten aufgenommen habe, spreche über die Familie und gemeinsame Bekannte. Nicht, dass das falsch wäre, es verfehlt nur seinen Zweck. Seit einigen Monaten gehe ich sorgsam mit meiner Zeit um. Ich gehe nicht mehr gerne lange in Clubs oder Bars und umgebe mich auch nicht mehr mit Menschen, die ich nicht kenne oder nie wiedersehen werde. Ich ziehe es vor, meine Zeit im Kreise derer zu verbringen, an denen mir wirklich etwas liegt. Und doch bemerke ich, dass ich seitdem viel mehr Zeit in meinem eigenen Kopf zubringe, was mir auf der einen Seite sehr gut gefällt, wodurch mir jedoch auch auffällt, wie isoliert wir alle in dieser Stadt leben, wie wenig Zeit wir haben, die schönen Dinge miteinander zu teilen. Es scheint leicht zu sein, sich gemeinsam zu betrinken, sich den hässlichen Dingen gemeinsam hinzugeben. Doch wann haben wir einmal Zeit für ein Gespräch, dessen Thema sich ab von unseren Alltagsverrichtungen bewegt? Ich überlege, wovor ich Angst habe, denn Angst habe ich definitiv. Ist es die Befürchtung, nicht verstanden zu werden? Oder die Dinge nicht aussprechen zu können? Verworrenes und Unlogisches zu reden? Ich glaube am meisten befürchte ich, das, was ich sagen will, könne nicht formulierbar sein, so wie schon Musil seinen Törleß spüren ließ, dass es etwas gibt, was mit der Sprache nicht sagbar ist und das uns allen in unserer Einsamkeit vorbehalten bleibt. Und mehr noch fürchte ich vielleicht den Blick meines Gegenübers, dem diese Dinge zu abstrakt sein könnten, der sich vielleicht nicht auseinandersetzen will mit etwas, das ab von den geraden Wegen liegt. Ich fürchte seine wegwischende Handbewegung. Eigentlich fürchte ich das Gefühl der Einsamkeit, das dieser Bewegung folgen würde. Also weiche ich, um ganz ehrlich zu sein, dem Beweis meiner Einsamkeit aus und spüre sie doch schon jetzt. Was wäre also der Unterschied, wenn ich entschiede, mich mitzuteilen?

Wie ich bereits sagte, ist es schön, die eigenen Gedanken in den Worten anderer zu lesen. Und so brachte mich heute diese Passage in dem von mir zu Ende gelesenen Buch dazu, meine Gedanken über die Einsamkeit und die von ihr hervorgerufene Belastung aufzuschreiben und mich – gewissermaßen im Dialog mit mir selbst und im Gedanken an einen potentiellen Leser – etwas weniger einsam zu fühlen: „Es ist eine Zeit außerhalb der Zeit… Wann habe ich zum letzten Mal diese köstliche Gelöstheit verspürt, die nur zu zweit möglich ist? Die Seelenruhe, die wir empfinden, wenn wir allein sind, jene Gewissheit unserer selbst in der inneren Heiterkeit der Einsamkeit ist nichts im Vergleich zum Gehen-Lassen, Kommen-Lassen und Sprechen-Lassen, das wir in der Gesellschaft des anderen erleben, in der Eintracht mit dem Gegenüber…[2]“ Es ist diese köstliche Gelöstheit, die ich vermisse. Ja, meine Einsamkeit ist oft genug heiter und meine Seele ruhig, aber dies ändert nichts daran, dass ich einsam bin. Ich weiß, dass gute Gespräche kostbar sind und ein seltener Schatz. Dennoch frage ich mich in der letzten Zeit, wo im leisen Dahinplätschern meines routinierten Erwachsenenlebens sie mir abhanden gekommen sind. Wo verbergen sie sich, wenn ich selbst der Meinung bin, gute Beziehungen zu führen? Warum verberge ich mich und vermeide das Zustandekommen solcher Gespräche aus Angst, enttäuscht zu werden? Wie sehr haben sich der Alltagstrubel, der von einem unsichtbaren und namenlosen Etwas erzeugte Dauerstress, die Sorge um das eigene Auskommen und um die nicht versiegenden Problemchen, die sich uns in ununterbrochener Abfolge stellen und unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, in mein Leben eingeschlichen, um mich dieser Momente des Einklangs zu berauben? Und mit welcher Folge? Dass die von mir hoch geschätzte Einsamkeit mich deprimiert.

Als ich heute das Buch an die Tischkante schob und um die Rechnung bat, fasste ich einen Entschluss. Ich muss erneut beginnen, mich mitzuteilen. Denn ich habe das Gefühl, vor lauter Ungesagtem beinahe zu platzen. Ich möchte die leere Hülle, in die sich meine Existenz verwandelt hat, austauschen gegen einen vollen Kelch wahrer Begegnungen.

[1] Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 306.

[2] Muriel Barbery, die Eleganz des Igels, S. 310.

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