Theresa Rath

Autorin

Von Wasser, Wind und Wärme – Brief CLEO 1

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Von Wasser, Wind und Wärme“ ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem ich mit meiner Schwester Magdalena arbeite. Wir setzen uns hierbei in Form von Briefen kreativ-prosaisch mit den möglichen Folgen des Klimawandels auseinander. Magdalena schreibt dabei für Smara, ich selbst schreibe für Cleo. Briefe werde ich hier auf meinem Blog im Abstand von jeweils ein bis zwei Wochen veröffentlichen, immer jeweils einen von mir, dann einen von Magdalena. Für Anregungen und Kritik sind wir jederzeit offen. 

CLEO I

Smara,

ich gebe Oleg diesen Brief für dich mit und hoffe inständig, dass er dich erreicht. Er bricht nachher in Richtung Süden auf und sollte Stuttgart, wenn alles gut geht, in einigen Tagen erreichen. Am längsten dauert der Weg über Wasser, wie du weißt, und er wird mit jedem Tag länger. Jedes Mal, wenn Oleg in sein kleines, vom Wetter gebeuteltes Boot steigt, um seinen Aufgaben, von denen er mir immer weniger erzählen will, nachzugehen, dann komme ich fast um vor Sorge. Bei jedem Abschied glaube ich, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich ihn sehe. Ein Gutes muss das Ganze also haben, und so hoffe ich, dass du dich mindestens genau so freust, von mir zu hören, wie ich mich freuen würde, dich endlich einmal wieder zu sehen.

Hier hört es seit Wochen nicht mehr auf zu regnen. Das Wasser steigt und steigt, wir mussten mittlerweile auch das zweite Geschoss aufgeben und ich kann mich schon nicht mehr daran erinnern, wie es ist, einfach durch die Stadt zu laufen, auf Asphalt und festen Wegen. In mir ist ein so starkes Bedürfnis danach, mich frei zu rennen, einfach das Haus zu verlassen und in eine Richtung zu gehen, immer weiter geradeaus, heraus aus der Stadt, aus den Vororten, über die Felder, bis dahin, wo die Sonne hinter den Wolken hervorguckt.

Alles hier ist feucht. Das Wasser tropft von der Decke, die Feuchtigkeit kriecht von den gefluteten Stockwerken durch die Dielen und ich habe immer kalte Füße. An den Wänden bilden sich Schimmelflecken, Großmutter hustet ununterbrochen und ich mache mir schreckliche Sorgen. Medikamente gibt es fast keine mehr, die Luftlieferungen kommen unregelmäßig und der Weg übers Wasser ist gefährlich – meistens sind die Boote leergeräumt, bis sie hier ankommen. Wenn sie ankommen.

Ich drehe Runden durch die Wohnung wie ein Tiger im Käfig. Ich fühle mich nutzlos. Am liebsten würde ich Oleg auf seinen Touren begleiten, aber er sagt, ich würde hier gebraucht. Ich sehe allerdings nicht, wie ich hier von irgendeinem Nutzen sein könnte. Wir sind mittlerweile zu zehnt in der Wohnung und die Enge macht mich wahnsinnig. Großmutter, ich, Luana und Giro teilen uns das Wohnzimmer und mein Zimmer. Die Familie mit den drei Kindern, die unter uns im zweiten Stock gewohnt haben, haben Luanas Zimmer und das von Großmutter. Das alte Esszimmer ist zum Gemeinschaftsraum umfunktioniert worden, wo auch Oleg seine Versammlungen abhält.

Die Nachbarn sind vor etwa drei Wochen hier eingezogen. Wir konnten sie ja schlecht in ihrer gefluteten Wohnung sitzen lassen. Die Kinder sind das Einzige, was mir ein bisschen Freude bringt in diesen Tagen. Ich unterrichte sie in meinem Zimmer, die Schulen sind seit Monaten geschlossen. Die Kleinste, Ama, ist eigentlich noch zu klein, aber sie will alles machen, was ihre Geschwister auch tun, und ich muss ehrlich sagen: Sie ist meine beste Schülerin. Es bricht mir das Herz, wenn ich manchmal ihre kleinen Hände ansehe, die ganz blau gefroren sind. Trotzdem hält sie ihren Bleistiftstummel fest zwischen den Fingern und schreibt schon alle Buchstaben.

Was mir den Schlaf raubt, ist der Gedanke, was wir tun werden, wenn das Wasser auch unser Stockwerk erreicht. Oben bauen sie wie verrückt, um neue Stockwerke über den Dachstühlen zu konstruieren. Aber es fehlt Material. Und letztens kam Oleg ganz bleich von einer Versammlung im alten Rathaus zurück. Als ich ihn fragte, was los sei, winkte er ab, doch ich ließ nicht locker. „Das Wasser beansprucht die Gebäude“, verriet er mir schließlich, was mir natürlich bereits vorher klar war. Aber ich verstand, was er mir damit sagen wollte: Irgendwann bricht das hier alles in sich zusammen. Wir können hier nicht ewig bleiben. Ich würde nicht eine Sekunde zögern, wenn er mir sagte: Pack deine Sachen, wir gehen nach Süden. Aber die Barrikaden vor der alten Stadt sind stabiler als je zuvor, man kommt eigentlich nur über Schleichwege hier raus. Und man erzählt sich die fürchterlichsten Geschichten darüber, was mit einem passiert, wenn man bei dem Versuch erwischt wird.

Smara, letzte Nacht hatte ich einen Traum. Du kamst auch darin vor. Es war Sommer und ich stand auf einem Feldweg. Es tat so gut, den Boden fest unter meinen Füßen zu spüren. In der letzten Zeit habe ich immer das Gefühl, knapp über dem Boden zu schweben, so als sei ich nicht ganz real. Aber in meinem Traum hatte ich Gewicht, es war, als würde plötzlich die Schwerkraft wieder funktionieren. Vor mir erstreckte sich ein Maisfeld, ich konnte nicht bis zu seinem Ende sehen. Die Ähren schwankten im Wind und der Himmel war blau, so blau wie ich ihn vor Jahren das letzte Mal gesehen habe. Die Sonne wärmte mein Gesicht und ich blinzelte in das Licht, zufrieden. Und dann waren da die Vögel. Ich glaube, es waren Krähen, und sie krächzten mit ihren kehligen Stimmen als wollten sie sich irgendetwas sagen, das ich nicht verstehen konnte. Sie saßen am Rande des Feldes und hüpften hin und her, manchmal flog eine von ihnen ein paar Meter in eine Richtung, näherte sich einer anderen, die daraufhin ebenfalls kurz in die Luft aufstieg und die andere umkreiste. Es war fast wie ein Tanz, und obwohl Krähen wirklich nicht die schönsten Vögel sind, sah ich ihnen fasziniert zu. Es wirkte alles so – gesund.

Und dann begannen die Ähren sich zu bewegen, es begann zu rascheln und aus einem der engen Wege, die vor lauter reifen Maiskolben nicht einzusehen waren, erschien plötzlich dein Gesicht. Du warst klein, ein Kind, doch ich erkannte dich sofort, und lief auf dich zu. Die Blätter der Maispflanzen streiften dein Gesicht, als wir uns an den Händen nahmen und zwischen den Ähren verschwanden. Hinter uns stieg der Krähenschwarm in die Luft auf und flog uns voran, als wollten sie uns leiten. Und wir rannten, und Erde stob auf, und ich wusste: Jetzt kommt alles in Ordnung.

Wie sehr ich mir wünschte, ich könnte mit dir dort sein, als ich aufwachte. Wie sehr ich mir wünsche, eines Tages mit dir an diesen Ort zurückkehren zu können, von dem ich glaube, dass ich einmal dort gewesen bin, als diese Welt noch eine andere war. Ich kann noch immer nicht glauben, in was unsere Welt sich verwandelt hat.

Aber genug von meinen düsteren Schilderungen. Wir dürfen nicht verlernen, zu lachen, sagt Großmutter immer. Ich bewundere sie, denn ich glaube, dass die Situation sie von allen am härtesten trifft, sie, die ein so anderes Leben über so viele Jahre lang gewohnt war. Und trotzdem beweist sie einen so starken Kampfgeist, dass ich nur den Hut vor ihr ziehen kann.

Oleg ruft, dass er aufbrechen will. Deshalb höre ich auf für heute und bete, dass der Brief (samt Oleg) unversehrt bei dir ankommt. Ich glaube immer noch daran, dass wir eines Tages wieder zusammen sein und uns dieser schrecklichen Tage in vielen Geschichten erinnern werden und dass sie dann nichts mehr sein werden als eben das: Eine Erinnerung.

Deine Cleo.

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