Theresa Rath

Autorin

Von Wasser, Wind und Wärme – Brief SMARA 1 (by Magdalena)

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Von Wasser, Wind und Wärme” ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem ich mit meiner Schwester Magdalena arbeite. Wir setzen uns hierbei in Form von Briefen kreativ-prosaisch mit den möglichen Folgen des Klimawandels auseinander. Magdalena schreibt dabei für Smara, ich selbst schreibe für Cleo. Briefe werde ich hier auf meinem Blog im Abstand von jeweils ein bis zwei Wochen veröffentlichen, immer jeweils einen von mir, dann einen von Magdalena. Für Anregungen und Kritik sind wir jederzeit offen. 

Liebe Cleo,

keine Worte könnten je beschreiben, wie mir das Herz aufging, als ich gestern Abend Oleg sah, wie er völlig durchnässt und bleich wie ein Geist durch die Tore unserer Lagerhalle stürmte und mich binnen Sekunden in der Menschenmenge erspähte. Er ist mager geworden, gebrechlich, und doch habe ich ihn an mich gedrückt, als würde ich ihn nie wieder sehen – jetzt, wo ich darüber nachdenke, hoffe ich, dass es nicht so sein wird. Er scheint sich auf dem Weg hierher in all der Nässe eine saftige Erkältung eingefangen zu haben, und die Wachen wollten ihn nicht hereinlassen, aber er hat sie bestochen, bis sie ein Auge zugedrückt haben.

Immer mehr Leute müssen ihre Häuser verlassen und brauchen Hilfe, aber hier wird nur selten noch jemand aufgenommen. Auch hier regnet es seit Wochen, und der Nebel hat sich so tief und dicht in Stuttgart eingenistet, ich kann mich kaum erinnern, wie es ist, in einen blauen Himmel zu blicken, hoch, hinauf zur Sonne, und nichts zu sehen als klare,  kräftige Farben. Es hört außerdem nicht auf, zu gewittern, und niemand hier kann richtig schlafen, weil die Kinder nachts oft aufwachen und weinen, wenn der Donner einsetzt. Im Lager hausen mittlerweile so viele Menschen, dass mir selbst nur noch die alte Isomatte bleibt, die wir damals zum Campen benutzt haben, und ein paar Zentimeter weiter schläft schon Esme, und daneben Tilo, und du kannst dir vorstellen, wie es weitergeht. Es ist ein gigantisches Massengrab. Der Geruch hier drinnen ist furchtbar, voll Pisse und Schweiß und Moder, und es gibt keine Fenster, die frische Lust hereinlassen. Manchmal denke ich an den Geruch von der Linsensuppe, die deine Mutter früher immer für uns gemacht hat, und ich wünsche mir, ich könnte in diese Zeit zurückreisen. Ich wünschte, ich hätte gewusst, wie gut es uns damals ging. Es ist verrückt, wie sich die ganzen Kleinigkeiten in meiner Erinnerung eingenistet haben. Die alte Küche, mit den großen Fenstern, die Kräuter auf der Fensterbank, erst Rosmarin, dann Basilikum, Thymian, Salbei, Fenchel und zuletzt Pfefferminz. Und die furchtbaren geblümten Sitzkissen, die wir mit Erdbeersaft vollgesaut haben. Deine Mutter war so wütend, ich höre noch genau, wie sie uns angeschrien hat. Ich vermisse meine eigene Mutter, wenn ich daran denke.

Über das Muttersein denke ich in letzter Zeit immer häufiger nach. Du sagtest, du fühlst dich, als würdest du über dem Boden schweben – ich fühle mich, als drückte mich eine göttliche Kraft immer tiefer in die Erde hinein, als sei ich Atlas, der die Erde stemmt – und ich spüre all meine Knochen, wie sie aufeinandertreffen und zu zerbersten drohen, so sehr lastet dieses Schuldgefühl auf mir. Warum habe ich nicht kommen sehen, dass unsere Welt so untergehen würde? Es sah doch schon vor 10 Jahren schlecht aus. Ich weiss noch, in dem Jahr, in dem ich Esme bekam, das war der wärmste Sommer, den wir je hatten. Ich habe während der Geburt nicht so sehr geschwitzt wie in den Tagen zuvor, an denen die Temperaturen immer höher kraxelten und kein Ende in Sicht war. Ich hätte es schon damals wissen müssen, und ich hätte mir bewusst machen müssen, dass ich in so einer Welt keine Kinder großziehen möchte. Und jetzt sitze ich hier, auf dem klammen Betonboden, neben mir zwei kleine Menschen, die kaum essen und schlafen und ganz blass und schwächlich aussehen, und all dies habe ich ihnen eingebrockt. Am schlimmsten ist es, dass ich nicht weiß, ob sie jemals ein anderes Leben erleben werden als dieses hier. Ich wünsche mir so sehr, dass alles wieder ist wie früher, dass die beiden auf der Straße spielen können und ganz dreckig heimkommen, und dass meine größte Sorge ist, ob Tilo jemals anfangen wird, Gemüse zu essen. Stattdessen bange ich um ihr Leben, und es bricht mir das Herz, wenn sie darüber klagen, dass ihnen kalt ist, oder dass sie Hunger haben, und ich ihnen nicht helfen kann. Und ich wünschte, wir wären bei dir, und sie könnten mit den anderen Kindern lernen. Wir haben noch ein paar Bücher mit Bildern drin, auch wenn sie schon ganz nass und wellig sind und die Tinte teilweise zerflossen ist, aber beide sind mittlerweile zu alt, um sie noch interessant zu finden. Ich habe sie einer anderen Familie in der Halle gegeben.

Cleo, bitte sei ganz ehrlich mit mir, denkst du, dass es noch Hoffnung für die Zukunft gibt? Niemand hier redet je darüber. Es wird nur totgeschwiegen, denn ich glaube, alle Menschen hier wissen, dass es nichts mehr zu retten gibt. Hier ist niemand, dem ich wirklich vertraue. Wir wohnen auf so engem Raum, ganz ohne Privatsphäre, aber keiner kennt sich wirklich. Und ich glaube, jeder hier würde seinen Nachbarn ohne zu zögern umbringen, wenn es hart auf hart käme. Ich würde es tun.

Du kennst mich ja, und du weißt, ich brauche immer einen Plan – und ich dachte neulich – was, wenn wir es zusammen in den Süden schaffen würden? Nach Norditalien vielleicht, ich habe gehört, dort ist das Wetter seit einigen Wochen ganz stabil, bis auf ein paar Waldbrände vielleicht. Aber ich habe gehört, direkt hinter den Alpen sind ein paar Dörfer, denen es nicht so furchtbar geht. Da wohnen nicht so viele Menschen, und es gibt viele grüne Felder, und ganz viel Platz, und es gibt Sonnenschein. Und ich weiß, was du denkst – den Weg über die Alpen würden wir niemals schaffen. Aber ich frage mich, was ist mein Leben hier wert, wenn ich nur leide und es keine Aussicht auf ein besseres Morgen gibt? Vielleicht ist es das Risiko wert, denn so, wie es momentan aussieht, habe ich nichts zu verlieren. Bis auf die Kinder. Aber auch ihnen möchte ich die Situation hier nicht noch ein Jahr lang, oder zwei, oder wer weiß wie lange zumuten. Und ich möchte so gerne die Sonne wiedersehen. Mir tut richtig das Herz in der Brust weh, wenn ich daran denke, wie schön es ist, die Wärme auf dem Gesicht zu spüren, wenn man von der Morgensonne aufgeweckt wird, weil es richtig hell wird draußen. Ich weiß, es ist verrückt. Wahrscheinlich ist es nur mein blödes Wunschdenken, ich bin eben doch eine alte Träumerin, und versuche immer, direkt nach den Sternen zu greifen. Aber es wäre so schön, und darüber nachzudenken, wie unser Leben dort sein könnte, gibt mir kurz das Gefühl, dass nicht alles hinüber ist.

Du merkst, ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ich bin so durch den Wind. Ich fühle gleichzeitig eine Milliarde Dinge auf einmal und überhaupt gar nichts. Ich glaube, es ist am besten, wenn ich diesen Brief an dich zumache, bevor ich alles zerreiße und von vorne anfange, und am Ende doch dasselbe dabei rauskommt. Cleo, danke, dass du mir geschrieben hast. Du hast keine Ahnung, was es mir bedeutet, dass ich mich nach all der Zeit noch so sehr auf dich verlassen kann. Ich hoffe inständig, dass wir uns bald wiedersehen, und dass es dir gut geht und deiner Großmutter auch, und all den Kindern, und den Nachbarn – du weißt schon.

Grüß alle von mir und bleib stärker, als ich es bin.

Smara

 

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