Theresa Rath

Autorin


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Von Wasser, Wind und Wärme – Brief SMARA 1 (by Magdalena)

Von Wasser, Wind und Wärme” ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem ich mit meiner Schwester Magdalena arbeite. Wir setzen uns hierbei in Form von Briefen kreativ-prosaisch mit den möglichen Folgen des Klimawandels auseinander. Magdalena schreibt dabei für Smara, ich selbst schreibe für Cleo. Briefe werde ich hier auf meinem Blog im Abstand von jeweils ein bis zwei Wochen veröffentlichen, immer jeweils einen von mir, dann einen von Magdalena. Für Anregungen und Kritik sind wir jederzeit offen. 

Liebe Cleo,

keine Worte könnten je beschreiben, wie mir das Herz aufging, als ich gestern Abend Oleg sah, wie er völlig durchnässt und bleich wie ein Geist durch die Tore unserer Lagerhalle stürmte und mich binnen Sekunden in der Menschenmenge erspähte. Er ist mager geworden, gebrechlich, und doch habe ich ihn an mich gedrückt, als würde ich ihn nie wieder sehen – jetzt, wo ich darüber nachdenke, hoffe ich, dass es nicht so sein wird. Er scheint sich auf dem Weg hierher in all der Nässe eine saftige Erkältung eingefangen zu haben, und die Wachen wollten ihn nicht hereinlassen, aber er hat sie bestochen, bis sie ein Auge zugedrückt haben.

Immer mehr Leute müssen ihre Häuser verlassen und brauchen Hilfe, aber hier wird nur selten noch jemand aufgenommen. Auch hier regnet es seit Wochen, und der Nebel hat sich so tief und dicht in Stuttgart eingenistet, ich kann mich kaum erinnern, wie es ist, in einen blauen Himmel zu blicken, hoch, hinauf zur Sonne, und nichts zu sehen als klare,  kräftige Farben. Es hört außerdem nicht auf, zu gewittern, und niemand hier kann richtig schlafen, weil die Kinder nachts oft aufwachen und weinen, wenn der Donner einsetzt. Im Lager hausen mittlerweile so viele Menschen, dass mir selbst nur noch die alte Isomatte bleibt, die wir damals zum Campen benutzt haben, und ein paar Zentimeter weiter schläft schon Esme, und daneben Tilo, und du kannst dir vorstellen, wie es weitergeht. Es ist ein gigantisches Massengrab. Der Geruch hier drinnen ist furchtbar, voll Pisse und Schweiß und Moder, und es gibt keine Fenster, die frische Lust hereinlassen. Manchmal denke ich an den Geruch von der Linsensuppe, die deine Mutter früher immer für uns gemacht hat, und ich wünsche mir, ich könnte in diese Zeit zurückreisen. Ich wünschte, ich hätte gewusst, wie gut es uns damals ging. Es ist verrückt, wie sich die ganzen Kleinigkeiten in meiner Erinnerung eingenistet haben. Die alte Küche, mit den großen Fenstern, die Kräuter auf der Fensterbank, erst Rosmarin, dann Basilikum, Thymian, Salbei, Fenchel und zuletzt Pfefferminz. Und die furchtbaren geblümten Sitzkissen, die wir mit Erdbeersaft vollgesaut haben. Deine Mutter war so wütend, ich höre noch genau, wie sie uns angeschrien hat. Ich vermisse meine eigene Mutter, wenn ich daran denke.

Über das Muttersein denke ich in letzter Zeit immer häufiger nach. Du sagtest, du fühlst dich, als würdest du über dem Boden schweben – ich fühle mich, als drückte mich eine göttliche Kraft immer tiefer in die Erde hinein, als sei ich Atlas, der die Erde stemmt – und ich spüre all meine Knochen, wie sie aufeinandertreffen und zu zerbersten drohen, so sehr lastet dieses Schuldgefühl auf mir. Warum habe ich nicht kommen sehen, dass unsere Welt so untergehen würde? Es sah doch schon vor 10 Jahren schlecht aus. Ich weiss noch, in dem Jahr, in dem ich Esme bekam, das war der wärmste Sommer, den wir je hatten. Ich habe während der Geburt nicht so sehr geschwitzt wie in den Tagen zuvor, an denen die Temperaturen immer höher kraxelten und kein Ende in Sicht war. Ich hätte es schon damals wissen müssen, und ich hätte mir bewusst machen müssen, dass ich in so einer Welt keine Kinder großziehen möchte. Und jetzt sitze ich hier, auf dem klammen Betonboden, neben mir zwei kleine Menschen, die kaum essen und schlafen und ganz blass und schwächlich aussehen, und all dies habe ich ihnen eingebrockt. Am schlimmsten ist es, dass ich nicht weiß, ob sie jemals ein anderes Leben erleben werden als dieses hier. Ich wünsche mir so sehr, dass alles wieder ist wie früher, dass die beiden auf der Straße spielen können und ganz dreckig heimkommen, und dass meine größte Sorge ist, ob Tilo jemals anfangen wird, Gemüse zu essen. Stattdessen bange ich um ihr Leben, und es bricht mir das Herz, wenn sie darüber klagen, dass ihnen kalt ist, oder dass sie Hunger haben, und ich ihnen nicht helfen kann. Und ich wünschte, wir wären bei dir, und sie könnten mit den anderen Kindern lernen. Wir haben noch ein paar Bücher mit Bildern drin, auch wenn sie schon ganz nass und wellig sind und die Tinte teilweise zerflossen ist, aber beide sind mittlerweile zu alt, um sie noch interessant zu finden. Ich habe sie einer anderen Familie in der Halle gegeben.

Cleo, bitte sei ganz ehrlich mit mir, denkst du, dass es noch Hoffnung für die Zukunft gibt? Niemand hier redet je darüber. Es wird nur totgeschwiegen, denn ich glaube, alle Menschen hier wissen, dass es nichts mehr zu retten gibt. Hier ist niemand, dem ich wirklich vertraue. Wir wohnen auf so engem Raum, ganz ohne Privatsphäre, aber keiner kennt sich wirklich. Und ich glaube, jeder hier würde seinen Nachbarn ohne zu zögern umbringen, wenn es hart auf hart käme. Ich würde es tun.

Du kennst mich ja, und du weißt, ich brauche immer einen Plan – und ich dachte neulich – was, wenn wir es zusammen in den Süden schaffen würden? Nach Norditalien vielleicht, ich habe gehört, dort ist das Wetter seit einigen Wochen ganz stabil, bis auf ein paar Waldbrände vielleicht. Aber ich habe gehört, direkt hinter den Alpen sind ein paar Dörfer, denen es nicht so furchtbar geht. Da wohnen nicht so viele Menschen, und es gibt viele grüne Felder, und ganz viel Platz, und es gibt Sonnenschein. Und ich weiß, was du denkst – den Weg über die Alpen würden wir niemals schaffen. Aber ich frage mich, was ist mein Leben hier wert, wenn ich nur leide und es keine Aussicht auf ein besseres Morgen gibt? Vielleicht ist es das Risiko wert, denn so, wie es momentan aussieht, habe ich nichts zu verlieren. Bis auf die Kinder. Aber auch ihnen möchte ich die Situation hier nicht noch ein Jahr lang, oder zwei, oder wer weiß wie lange zumuten. Und ich möchte so gerne die Sonne wiedersehen. Mir tut richtig das Herz in der Brust weh, wenn ich daran denke, wie schön es ist, die Wärme auf dem Gesicht zu spüren, wenn man von der Morgensonne aufgeweckt wird, weil es richtig hell wird draußen. Ich weiß, es ist verrückt. Wahrscheinlich ist es nur mein blödes Wunschdenken, ich bin eben doch eine alte Träumerin, und versuche immer, direkt nach den Sternen zu greifen. Aber es wäre so schön, und darüber nachzudenken, wie unser Leben dort sein könnte, gibt mir kurz das Gefühl, dass nicht alles hinüber ist.

Du merkst, ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ich bin so durch den Wind. Ich fühle gleichzeitig eine Milliarde Dinge auf einmal und überhaupt gar nichts. Ich glaube, es ist am besten, wenn ich diesen Brief an dich zumache, bevor ich alles zerreiße und von vorne anfange, und am Ende doch dasselbe dabei rauskommt. Cleo, danke, dass du mir geschrieben hast. Du hast keine Ahnung, was es mir bedeutet, dass ich mich nach all der Zeit noch so sehr auf dich verlassen kann. Ich hoffe inständig, dass wir uns bald wiedersehen, und dass es dir gut geht und deiner Großmutter auch, und all den Kindern, und den Nachbarn – du weißt schon.

Grüß alle von mir und bleib stärker, als ich es bin.

Smara

 

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Von Wasser, Wind und Wärme – Brief CLEO 1

Von Wasser, Wind und Wärme“ ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem ich mit meiner Schwester Magdalena arbeite. Wir setzen uns hierbei in Form von Briefen kreativ-prosaisch mit den möglichen Folgen des Klimawandels auseinander. Magdalena schreibt dabei für Smara, ich selbst schreibe für Cleo. Briefe werde ich hier auf meinem Blog im Abstand von jeweils ein bis zwei Wochen veröffentlichen, immer jeweils einen von mir, dann einen von Magdalena. Für Anregungen und Kritik sind wir jederzeit offen. 

CLEO I

Smara,

ich gebe Oleg diesen Brief für dich mit und hoffe inständig, dass er dich erreicht. Er bricht nachher in Richtung Süden auf und sollte Stuttgart, wenn alles gut geht, in einigen Tagen erreichen. Am längsten dauert der Weg über Wasser, wie du weißt, und er wird mit jedem Tag länger. Jedes Mal, wenn Oleg in sein kleines, vom Wetter gebeuteltes Boot steigt, um seinen Aufgaben, von denen er mir immer weniger erzählen will, nachzugehen, dann komme ich fast um vor Sorge. Bei jedem Abschied glaube ich, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich ihn sehe. Ein Gutes muss das Ganze also haben, und so hoffe ich, dass du dich mindestens genau so freust, von mir zu hören, wie ich mich freuen würde, dich endlich einmal wieder zu sehen.

Hier hört es seit Wochen nicht mehr auf zu regnen. Das Wasser steigt und steigt, wir mussten mittlerweile auch das zweite Geschoss aufgeben und ich kann mich schon nicht mehr daran erinnern, wie es ist, einfach durch die Stadt zu laufen, auf Asphalt und festen Wegen. In mir ist ein so starkes Bedürfnis danach, mich frei zu rennen, einfach das Haus zu verlassen und in eine Richtung zu gehen, immer weiter geradeaus, heraus aus der Stadt, aus den Vororten, über die Felder, bis dahin, wo die Sonne hinter den Wolken hervorguckt.

Alles hier ist feucht. Das Wasser tropft von der Decke, die Feuchtigkeit kriecht von den gefluteten Stockwerken durch die Dielen und ich habe immer kalte Füße. An den Wänden bilden sich Schimmelflecken, Großmutter hustet ununterbrochen und ich mache mir schreckliche Sorgen. Medikamente gibt es fast keine mehr, die Luftlieferungen kommen unregelmäßig und der Weg übers Wasser ist gefährlich – meistens sind die Boote leergeräumt, bis sie hier ankommen. Wenn sie ankommen.

Ich drehe Runden durch die Wohnung wie ein Tiger im Käfig. Ich fühle mich nutzlos. Am liebsten würde ich Oleg auf seinen Touren begleiten, aber er sagt, ich würde hier gebraucht. Ich sehe allerdings nicht, wie ich hier von irgendeinem Nutzen sein könnte. Wir sind mittlerweile zu zehnt in der Wohnung und die Enge macht mich wahnsinnig. Großmutter, ich, Luana und Giro teilen uns das Wohnzimmer und mein Zimmer. Die Familie mit den drei Kindern, die unter uns im zweiten Stock gewohnt haben, haben Luanas Zimmer und das von Großmutter. Das alte Esszimmer ist zum Gemeinschaftsraum umfunktioniert worden, wo auch Oleg seine Versammlungen abhält.

Die Nachbarn sind vor etwa drei Wochen hier eingezogen. Wir konnten sie ja schlecht in ihrer gefluteten Wohnung sitzen lassen. Die Kinder sind das Einzige, was mir ein bisschen Freude bringt in diesen Tagen. Ich unterrichte sie in meinem Zimmer, die Schulen sind seit Monaten geschlossen. Die Kleinste, Ama, ist eigentlich noch zu klein, aber sie will alles machen, was ihre Geschwister auch tun, und ich muss ehrlich sagen: Sie ist meine beste Schülerin. Es bricht mir das Herz, wenn ich manchmal ihre kleinen Hände ansehe, die ganz blau gefroren sind. Trotzdem hält sie ihren Bleistiftstummel fest zwischen den Fingern und schreibt schon alle Buchstaben.

Was mir den Schlaf raubt, ist der Gedanke, was wir tun werden, wenn das Wasser auch unser Stockwerk erreicht. Oben bauen sie wie verrückt, um neue Stockwerke über den Dachstühlen zu konstruieren. Aber es fehlt Material. Und letztens kam Oleg ganz bleich von einer Versammlung im alten Rathaus zurück. Als ich ihn fragte, was los sei, winkte er ab, doch ich ließ nicht locker. „Das Wasser beansprucht die Gebäude“, verriet er mir schließlich, was mir natürlich bereits vorher klar war. Aber ich verstand, was er mir damit sagen wollte: Irgendwann bricht das hier alles in sich zusammen. Wir können hier nicht ewig bleiben. Ich würde nicht eine Sekunde zögern, wenn er mir sagte: Pack deine Sachen, wir gehen nach Süden. Aber die Barrikaden vor der alten Stadt sind stabiler als je zuvor, man kommt eigentlich nur über Schleichwege hier raus. Und man erzählt sich die fürchterlichsten Geschichten darüber, was mit einem passiert, wenn man bei dem Versuch erwischt wird.

Smara, letzte Nacht hatte ich einen Traum. Du kamst auch darin vor. Es war Sommer und ich stand auf einem Feldweg. Es tat so gut, den Boden fest unter meinen Füßen zu spüren. In der letzten Zeit habe ich immer das Gefühl, knapp über dem Boden zu schweben, so als sei ich nicht ganz real. Aber in meinem Traum hatte ich Gewicht, es war, als würde plötzlich die Schwerkraft wieder funktionieren. Vor mir erstreckte sich ein Maisfeld, ich konnte nicht bis zu seinem Ende sehen. Die Ähren schwankten im Wind und der Himmel war blau, so blau wie ich ihn vor Jahren das letzte Mal gesehen habe. Die Sonne wärmte mein Gesicht und ich blinzelte in das Licht, zufrieden. Und dann waren da die Vögel. Ich glaube, es waren Krähen, und sie krächzten mit ihren kehligen Stimmen als wollten sie sich irgendetwas sagen, das ich nicht verstehen konnte. Sie saßen am Rande des Feldes und hüpften hin und her, manchmal flog eine von ihnen ein paar Meter in eine Richtung, näherte sich einer anderen, die daraufhin ebenfalls kurz in die Luft aufstieg und die andere umkreiste. Es war fast wie ein Tanz, und obwohl Krähen wirklich nicht die schönsten Vögel sind, sah ich ihnen fasziniert zu. Es wirkte alles so – gesund.

Und dann begannen die Ähren sich zu bewegen, es begann zu rascheln und aus einem der engen Wege, die vor lauter reifen Maiskolben nicht einzusehen waren, erschien plötzlich dein Gesicht. Du warst klein, ein Kind, doch ich erkannte dich sofort, und lief auf dich zu. Die Blätter der Maispflanzen streiften dein Gesicht, als wir uns an den Händen nahmen und zwischen den Ähren verschwanden. Hinter uns stieg der Krähenschwarm in die Luft auf und flog uns voran, als wollten sie uns leiten. Und wir rannten, und Erde stob auf, und ich wusste: Jetzt kommt alles in Ordnung.

Wie sehr ich mir wünschte, ich könnte mit dir dort sein, als ich aufwachte. Wie sehr ich mir wünsche, eines Tages mit dir an diesen Ort zurückkehren zu können, von dem ich glaube, dass ich einmal dort gewesen bin, als diese Welt noch eine andere war. Ich kann noch immer nicht glauben, in was unsere Welt sich verwandelt hat.

Aber genug von meinen düsteren Schilderungen. Wir dürfen nicht verlernen, zu lachen, sagt Großmutter immer. Ich bewundere sie, denn ich glaube, dass die Situation sie von allen am härtesten trifft, sie, die ein so anderes Leben über so viele Jahre lang gewohnt war. Und trotzdem beweist sie einen so starken Kampfgeist, dass ich nur den Hut vor ihr ziehen kann.

Oleg ruft, dass er aufbrechen will. Deshalb höre ich auf für heute und bete, dass der Brief (samt Oleg) unversehrt bei dir ankommt. Ich glaube immer noch daran, dass wir eines Tages wieder zusammen sein und uns dieser schrecklichen Tage in vielen Geschichten erinnern werden und dass sie dann nichts mehr sein werden als eben das: Eine Erinnerung.

Deine Cleo.


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For today

I.

Red, blazing fear is rushing through my veins. I am crouched into the corner with my back against the heavy, wooden cupboard, where they keep their dinnerware. My face is pressed into my mom’s woolen scarf. I try to breathe calmly, one, two three, inhale, one, two, three, exhale, like my mother once showed me when my chest was so tight that I thought I was going to suffocate. My breathing is unsteady and interrupted by the heavy sobs that I cannot suppress. I let my fingers flow through the tissue of the scarf, run my eyes over the pattern, red and blue dots on green ground. The scent of my mother’s perfume rises from the scarf and once again I begin to sob and forget to count while breathing in and out.

The door to the hallway swings open and Carmen walks into the room. I lift my face from the scarf and see the look that she casts through the room right at the corner where I sit. She looks at me with a mix of desperation and despise. And there is something else: Helplessness. “Oh, still there, baby?”, she says and I can sense how she is trying to give her voice that soft touch that eventually is disrupted by a high pitch and reveals how much she is not feeling the compassion she wants to make me believe she feels. I shrug my shoulders and bury my face in the scarf once again. She walks over and kneels down next to me. Her hand strikes over my hair and for a second I am tempted to give in to that touch, lay my head on her soft stomach and cry until I fall asleep. But I must not do that, I may not take up so much space and she has more than enough work to do for me to behave like this.

“The same thing as always?”, she whispers softly and now I can feel genuine concern in her voice. I nod. “She will be back”, she says and puts her arm around my tiny body. I look up and stare at the clock that hangs over the dining room table. I can already read it, even though I am only three years old. It is five minutes to 12. If nothing goes wrong, if she doesn’t die or forget about me or decide she has had enough of me, my mom will come to pick me up at three. Three hours to go. I lean back into my corner and wrap the scarf around my neck. “I know”, I say and can hear myself lying. “I have to prepare lunch now”, Carmen says, “do you want to come to the kitchen with me?” I shake my head because I don’t know if my legs will carry me the whole way. It has become impossible to move. The fear has petrified me. “I’m all right here”, I say. “You call me when lunch is ready.” She nods and gets up and as she walks out of the room I can see how relieved she is to leave me back here.

That is the way I imagine my mom walking out of here each morning when she leaves for work. As I think about this the tears well back into my eyes. The fear seems to tighten in my stomach, forming a huge, sickening ball that is about to explode. I curl up on the carpet, bury my head in the scarf and let the tears roll. It is okay to cry, I think. I am only three years old.

 

II.

It is Monday. When I finally turn off my alarm and crawl out of my bed my head and limbs feel heavy as lead. I stumble into the bathroom and take off my pajamas. My clothes scatter on the floor and just when I want to step into the shower I can feel my strength leaving me. I don’t know how to get through the day. The way the desperation hits me is so sudden and complete that it feels like being struck by a bullet. My knees give in and I let myself slide onto the bathroom floor. I prop myself up against the bath tub and – sitting there, with my whole body shaking – bury my head in my hands. Cold sweat runs down my forehead and forms in my armpits. I was expecting this moment, but I wasn’t prepared for it.

The fear has come creeping in for days, lingering in the corners of my perception, whispering unrecognizably in the moments before falling asleep, building up and growing without anything I could have done to prevent this from happening or shield myself. Now that it is here, I let it roll over me like an avalanche, trying to hold my senses together until it passes. Don’t forget to breathe. I can feel the tears coming. Uncontrollably they run down my cheeks, and there is a pain in my intestines like someone were stabbing a knife right into my stomach and turning it around until all of my insides lie on the floor, scattered like my pajamas.

The fear comes in waves. I am convulsing as it flushes my mind and in the seconds I have between the attacks, I try to figure out which shape it chose to take this time.

I feel I am losing everything. Your friends are going to leave you, the fear screams. Your partner is seeing somebody else. He doesn’t love you. You’re going to lose your job. You’re going to lose your flat. And when you’ve lost all of these things the world will see you for what you are: Nothing.

I shiver. No, I am whispering over and over again. This is not going to happen. You’re just fear. You’re not real. You’re mean and false. Leave me alone. But I know I need to listen to it, embrace it, accept it, let it go.

I’m breathing. Crying. Breathing.

I remember this feeling. I remember it from a time when I had no words to name the fear, when I had no way to express what I was feeling, no name for the things I needed. I remember that time and I know I am not in danger. I was in danger back then. The danger passed and what stayed was the fear. I take a deep, shivering breath, lift my head up from my knees and open my eyes. I can see a blurred version of my bathroom, look up at the ceiling, and draw the outlines of the room with my gaze. Sink, toilet, bath mat, laundry basket. Everything is still there. I wipe some of the tears from my cheeks. Slowly I push myself up from the floor.

My legs are still shivering, but I remember now. I remember the little girl I was, I remember sitting with my back against the huge, wooden cupboard, I remember my mom walking out of the room, thinking she would leave me there to never come back. I remember my dad leaving and never coming back. I remember how eventually things got better, but the fear stayed. I remember being alone when nobody should be on their own.

I remember and I realize it is over.

That is not today.

I step into the shower and turn on the water. It runs over my skin, warm and soft. The shaking slowly stops. I take a deep breath and this time I can feel the air filling my lungs. I exhale. And when I step out of the shower, get dressed and grab my bag from the bedroom floor, I stop in front of the mirror. I look at myself and see that I have grown up. I show myself a faint smile and then I throw what is left of the fear into a huge garbage bag and leave it in one of the containers in the backyard. That was it, for today. For today, I’m better.

 


Ein Kommentar

Dahinter vielleicht irgendwo

Ich finde keine Worte für den Tod.

 

Ich denke an die Einsamkeit der Alten,

an die Schmerzen der Kranken,

an zu viel Vergangenheit und zu wenig Zukunft,

an zu viel Erinnerung und zu wenig Hoffnung,

und er erscheint mir eine gute Option.

 

Doch das ist nicht der Tod, das sind nur Gedanken.

 

Ich finde keine Worte für den Tod.

Denn alles in mir ist Abwehr.

 

Ich sehe bloß deine Urne,

bunt marmoriert,

bunt wie die Blütenblätter,

die wir auf deinem Grab verstreuen,

bunt wie unsere Kleider,

als wir auf dem Friedhof stehen

und wissen, dass der Tod nichts Schlechtes ist.

Und ihn doch nicht ermessen können.

 

Ich finde keine Worte für den Tod,

nur für Gedanken an ihn.

Denn alles in mir ist Abwehr.

 

Und dahinter vielleicht irgendwo

Dankbarkeit und Liebe.

 

Und dahinter vielleicht irgendwo

Angst und Wut.

 

Und weiter dahinter,

Zu weit für mich, um es zu fassen,

etwas anderes

  • Endgültigkeit?
  • Hoffnung?
  • Vergänglichkeit?
  • Unendlichkeit?
  • Das Ende?
  • Ein neuer Anfang?

 

Ich finde keine Worte für den Tod.

 

Ich will ihn nicht

Und zum Glück will er auch mich noch nicht.

 

Und doch, wenn er zum ersten Mal

das Gesicht eines geliebten Menschen trägt,

dann ist alles in mir Abwehr.

 

Trotz deiner Einsamkeit.

Trotz deines Einverständnisses.

Trotz deiner Sehnsucht.

 

Ich finde keine Worte für den Tod

und keine Gefühle,

keines der Gefühle, die ich kenne,

stimmt, passt, genügt,

dafür

und die Gedanken sind nur Gedanken,

vernünftig und geordnet.

 

Ich halte mich fest an deiner Urne,

bunt marmoriert,

bestreut mit Blütenblättern,

und meinen bunten Kleidern

an deinem Grab,

 

ich gebe es auf,

Worte finden zu wollen,

 

für heute,

 

lasse alles kommen und gehen,

wie es ist,

und vielleicht wird eines Tages

da mehr sein in mir

als nur Abwehr.


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La Falta

Vos pensás demasiado

antes de hacer nada,

dijo la Maga a Oliveira.

 

Y acá estamos

aún echados en tu cama

mientras el sol ya

se acomodó en el cielo

y ese momento

podría haber sido nuestro.

 

Quisiera alzarme,

alzarme y lanzarme

en la aventura.

Pero soy inercia.

 

Quisiera, quisiera, quisiera

digo y sueño, te cuento,

soñamos,

acá en tu cuarto

con las dos cortinas

entre sabanas mojadas

 

Siento como la luz disminuye

y se me achica el corazón

por  los instantes no vividos

de otro día.

 

Porque mirar no es vivir

y pensar no es sentir

sufrimos sin hablar

nuestra falta de poesía.

 

 


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I. Teilen, ohne zu herrschen

Die gefühlte Notwendigkeit, stets Zusammenhängendes präsentieren zu müssen, führt zu Stille. Das Erlebte und Gedachte, das Gefühlte und Gewollte verliert sich im eigenen und fremden Anspruch auf Vollständigkeit. Mit meinem neuen Projekt von isolierten Schilderungen, Geschichten und Gedanken möchte ich der Stille entgegen wirken, die in einem jeden von uns wächst. Denn Stille führt zu Einsamkeit. Und ich möchte zeigen, dass Zusammenhänge nicht nur dort existieren, wo wir erzählerische Kohärenz schaffen. Vor allem aber möchte ich eines: Dem, was sich in mir bewegt, einen Raum geben, ohne dass ich dabei zur Protagonistin meiner Beiträge würde. Dies ist kein Tagebuch, es ist ein freier Raum von möglichen Realitäten, wo Erzählen mehr sein soll als bloß Mittel zu einem Zweck. Es ist eine Mit-Teilung dort, wo Schweigen sich ausbreitet und uns verschleiert und aus der Verschleierung Mauern baut. 

Mir fällt auf, dass ich nicht weiß, wie Kamelien aussehen. Das bemerke ich, als ich den letzten Absatz des Buches, das mir nach Wochen der Betäubtheit das Gefühl gibt, den Grund für diesen Zustand gefunden zu haben, noch einmal lese und schnell die Tränen wegblinzle, da ich in einem überfüllten Café sitze und mir nicht hier die Blöße geben will, zu weinen. Auch wenn es durchaus angebracht wäre, in Anbetracht dieses Absatzes. Die Kamelien tauchen immer wieder auf, zuallererst in einem Film, dessen Inhalts ich mir eben so wenig gewahr bin wie der Erscheinung einer Kamelie. Ich weiß, es gäbe andere Optionen, den Besuch des botanischen Gartens etwa und eine mehrstündige Suche nach der bezeichneten Blume. Doch letzten Endes bin ich ein Kind meiner Zeit und so krame ich aus dem Rucksack, den ich unter die Bank getreten habe, auf der ich sitze, mein Handy hervor und rufe die Suchmaske auf. „Kamelie“, tippe ich ein und frage mich, als das Bild einer rosafarbenen Blüte erscheint, ob es das ist, was ich erwartet habe. Mein zweiter Gedanke ist, dass ich diese Blume schon zigmal gesehen habe und keine Ahnung hatte, wie sie heißt. Hätte ich sie jemandem zeigen wollen, so hätte ich es nicht gekonnt, bis ich aus purem Zufall wieder einer Pflanze ihrer Gattung über den Weg gelaufen wäre. Erneut überrascht mich die Macht der Sprache. Mein dritter Gedanke ist, mir sofort eine Kamelie nach Hause liefern zu lassen, als könnte ich so einen Teil der Poesie des von mir soeben zu Ende gelesenen Buches einfangen und die tiefen Gedanken sowie das Gefühl verstanden zu sein, das mir oft nur Bücher geben können – diese treuen Begleiter, die uns, ohne uns zuzuhören, immer antworten – auf meiner Fensterbank konservieren. Mein vierter und letzter Gedanke zur Kamelie ist, dass ich eine verdammte Kapitalistin geworden bin. Als könnte man sich Verständnis und Poesie kaufen. Ich klappe das Buch zu und schiebe es mit einem Seufzer an die Tischkante, bevor ich nach der Rechnung frage. So schnell wird es mich nicht loslassen, das weiß ich. Ein Abschnitt hat mich besonders getroffen. Wie so oft ist das Schöne am Lesen nicht eigentlich, auf neue Gedanken zu stoßen, sondern vielmehr bereits selbst Gedachtes in eine andere Form gegossen wiederzufinden. Dieser Moment des gegenseitigen Erkennens ist jedes Mal wie ein lautloser Jauchzer der Freude über die gefundene Gemeinsamkeit und ich vergesse stets, dass ein Buch kein Mensch ist, sind die Bücher doch immer meine besten Freunde gewesen. Und wenn ich daran denke, dass hinter jedem Buch ein Schriftsteller steht, der es geschrieben hat, dann weiß ich, dass diese Gedanken auch ein anderer Mensch schon hatte und die Einsamkeit wird erträglicher.

Die Einsamkeit beschäftigt mich seit längerem wieder. Ich gehöre zu den Menschen, die die Einsamkeit suchen, und dabei unterscheide ich sehr wohl zwischen Einsamkeit und Alleinsein. Während Alleinsein für mich lediglich die physische Abwesenheit von anderen Menschen bedeutet, so weist die Einsamkeit eine tiefere Ebene auf, meint eine Abgeschiedenheit von der Welt als solcher und kann durchaus auch in Anwesenheit anderer Menschen erlebt werden. Die Einsamkeit meint ein profunderes Zurückgezogensein und hat immer einen leicht schmerzhaften Beigeschmack. Trotzdem suche ich sie und genieße es, einsam zu sein. Ich glaube, dass man nur in der Einsamkeit sich selbst wirklich erkennen und die eigene Bestimmung verstehen kann, wenn es denn so etwas gibt wie Bestimmung in dieser Welt ohne Sinn. Dennoch gibt es Zeiten, da die Einsamkeit sich aufbläht wie eine fette Kröte und wie ein Gewicht auf meinen Schultern liegt. Dabei bin ich im weitesten Sinne ein soziales Wesen. Ich habe Freunde, führe eine Beziehung, die mir mehr gibt als sie mir nimmt, arbeite in einem Büro, in dem ich auch von Zeit zu Zeit ein paar Worte mit meinen Kollegen wechsle, und habe Mitbewohner. Nein, an Austausch mangelt es mir nicht. Angesichts der Größe der Stadt und der Masse an Menschen, die sich Tag für Tag durch sie hindurch bewegen, sehne ich mich sogar zumeist nach meinem Zimmer, um dort endlich allein sein zu können. Nicht aber immer, um dort auch einsam sein zu können. Routine hat etwas Beruhigendes. Gleichzeitig hat sie aber auch etwas lauernd Bedrohliches, und das ist es, was mir in der letzten Zeit zu schaffen macht. In meiner Routine begegne ich Menschen mit absoluter Regelmäßigkeit. Daneben habe ich ausreichend Zeit, um mich alleine meinen Hobbies zu widmen, die da wären: Lesen, mein Klavier, Sport, Schreiben, Sprachen lernen, Musik hören. Es sind dies so kontemplative Hobbies, dass ich dabei ununterbrochen auf schöne Dinge stoße: Es kann sich um eine Passage aus einem Buch handeln, die an erhebender Schönheit kaum zu überbieten ist, wie etwa diese: „Was schön ist, erhaschen wir, während es vergeht. Es zeigt sich in der vergänglichen Gestalt der Dinge in dem Moment, da wir gleichzeitig ihre Schönheit und ihren Tod sehen. Oh, weh!, habe ich mir gesagt, heißt das, dass man sein Leben auf diese Weise führen sollte? Immer im Gleichgewicht zwischen der Schönheit und dem Tod, der Bewegung und ihrer Auflösung? Vielleicht heißt lebendig sein das: Augenblicke zu verfolgen, die sterben.[1]“ Da steckt so viel Tiefe in diesen wenigen Sätzen, so vieles, das mich beschäftigt, so viele Anstöße, die unsere Gedanken wie Kugeln in ganz verschiedene Richtungen rollen lassen können, und nur zu gerne folge ich all diesen Gedanken, verwirre mich in mir selbst und vermisse dabei doch schmerzlich ein Gegenüber, mit dem ich die Schönheit dieser Worte und ihrer Implikationen teilen könnte. Aber die schönen Dinge bestehen nicht nur aus Worten. Es kann auch ein Lied sein, oder nur der Teil eines Liedes, der mir den Tag versüßt. Wenn ich frühmorgens aufstehe und etwa dem Klavierspiel von Esbjörn Svensson lausche (Viaticum ist mein aktueller Favorit) oder dem Bassspiel von Avishai Cohen. Ich möchte in diesen Momenten die ganze Welt umarmen, denn bei allem, was dort draußen falsch und angefault ist, sind es diese Töne, die mich an Liebe glauben lassen. Und doch kommt der Punkt, wo all diese Schönheit mich einsam macht, denn ich kann sie nicht teilen. Die Routine lässt mich die Menschen treffen, ohne ihnen jedoch wirklich zu begegnen. Ich weiß nicht, woran genau es liegt, doch ich teile mich nicht mit. Anstatt mit meinen Freunden über die Vergänglichkeit und unsere Aufgabe in der Welt zu sprechen, die mich, seitdem ich mein Studium abgeschlossen habe, fast tagtäglich beschäftigt, spreche ich über die Arbeit, die ich vor einigen Monaten aufgenommen habe, spreche über die Familie und gemeinsame Bekannte. Nicht, dass das falsch wäre, es verfehlt nur seinen Zweck. Seit einigen Monaten gehe ich sorgsam mit meiner Zeit um. Ich gehe nicht mehr gerne lange in Clubs oder Bars und umgebe mich auch nicht mehr mit Menschen, die ich nicht kenne oder nie wiedersehen werde. Ich ziehe es vor, meine Zeit im Kreise derer zu verbringen, an denen mir wirklich etwas liegt. Und doch bemerke ich, dass ich seitdem viel mehr Zeit in meinem eigenen Kopf zubringe, was mir auf der einen Seite sehr gut gefällt, wodurch mir jedoch auch auffällt, wie isoliert wir alle in dieser Stadt leben, wie wenig Zeit wir haben, die schönen Dinge miteinander zu teilen. Es scheint leicht zu sein, sich gemeinsam zu betrinken, sich den hässlichen Dingen gemeinsam hinzugeben. Doch wann haben wir einmal Zeit für ein Gespräch, dessen Thema sich ab von unseren Alltagsverrichtungen bewegt? Ich überlege, wovor ich Angst habe, denn Angst habe ich definitiv. Ist es die Befürchtung, nicht verstanden zu werden? Oder die Dinge nicht aussprechen zu können? Verworrenes und Unlogisches zu reden? Ich glaube am meisten befürchte ich, das, was ich sagen will, könne nicht formulierbar sein, so wie schon Musil seinen Törleß spüren ließ, dass es etwas gibt, was mit der Sprache nicht sagbar ist und das uns allen in unserer Einsamkeit vorbehalten bleibt. Und mehr noch fürchte ich vielleicht den Blick meines Gegenübers, dem diese Dinge zu abstrakt sein könnten, der sich vielleicht nicht auseinandersetzen will mit etwas, das ab von den geraden Wegen liegt. Ich fürchte seine wegwischende Handbewegung. Eigentlich fürchte ich das Gefühl der Einsamkeit, das dieser Bewegung folgen würde. Also weiche ich, um ganz ehrlich zu sein, dem Beweis meiner Einsamkeit aus und spüre sie doch schon jetzt. Was wäre also der Unterschied, wenn ich entschiede, mich mitzuteilen?

Wie ich bereits sagte, ist es schön, die eigenen Gedanken in den Worten anderer zu lesen. Und so brachte mich heute diese Passage in dem von mir zu Ende gelesenen Buch dazu, meine Gedanken über die Einsamkeit und die von ihr hervorgerufene Belastung aufzuschreiben und mich – gewissermaßen im Dialog mit mir selbst und im Gedanken an einen potentiellen Leser – etwas weniger einsam zu fühlen: „Es ist eine Zeit außerhalb der Zeit… Wann habe ich zum letzten Mal diese köstliche Gelöstheit verspürt, die nur zu zweit möglich ist? Die Seelenruhe, die wir empfinden, wenn wir allein sind, jene Gewissheit unserer selbst in der inneren Heiterkeit der Einsamkeit ist nichts im Vergleich zum Gehen-Lassen, Kommen-Lassen und Sprechen-Lassen, das wir in der Gesellschaft des anderen erleben, in der Eintracht mit dem Gegenüber…[2]“ Es ist diese köstliche Gelöstheit, die ich vermisse. Ja, meine Einsamkeit ist oft genug heiter und meine Seele ruhig, aber dies ändert nichts daran, dass ich einsam bin. Ich weiß, dass gute Gespräche kostbar sind und ein seltener Schatz. Dennoch frage ich mich in der letzten Zeit, wo im leisen Dahinplätschern meines routinierten Erwachsenenlebens sie mir abhanden gekommen sind. Wo verbergen sie sich, wenn ich selbst der Meinung bin, gute Beziehungen zu führen? Warum verberge ich mich und vermeide das Zustandekommen solcher Gespräche aus Angst, enttäuscht zu werden? Wie sehr haben sich der Alltagstrubel, der von einem unsichtbaren und namenlosen Etwas erzeugte Dauerstress, die Sorge um das eigene Auskommen und um die nicht versiegenden Problemchen, die sich uns in ununterbrochener Abfolge stellen und unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, in mein Leben eingeschlichen, um mich dieser Momente des Einklangs zu berauben? Und mit welcher Folge? Dass die von mir hoch geschätzte Einsamkeit mich deprimiert.

Als ich heute das Buch an die Tischkante schob und um die Rechnung bat, fasste ich einen Entschluss. Ich muss erneut beginnen, mich mitzuteilen. Denn ich habe das Gefühl, vor lauter Ungesagtem beinahe zu platzen. Ich möchte die leere Hülle, in die sich meine Existenz verwandelt hat, austauschen gegen einen vollen Kelch wahrer Begegnungen.

[1] Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 306.

[2] Muriel Barbery, die Eleganz des Igels, S. 310.


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Kurze Reflexion über das Alter

In der letzten Zeit gehe ich kaum noch erst um elf ins Bett. Manchmal glaube ich, das Alter hat Einzug gehalten. Das sind solche Gedanken, wie man sie sich mit 27 macht. Manche von uns zumindest. Aber das ist eigentlich alles Blödsinn. Das sind solche Rechtfertigungen, wie man sie mit 27 gelernt hat, wenn man gut in Sozialkunde und in der Erziehung der Eltern zugehört hat, wie ich bemerke. Ich bin gar nicht mehr in der Lage, das zu sagen, was ich wirklich denke, weil man mir zu oft gesagt hat, dass diese Gedanken überflüssig oder zu kompliziert sind. So wie ich gelernt habe, keine Sätze mit mehr als zwei Nebensätzen zu bilden, so habe ich gelernt, wie eine Erwachsene zu sprechen. Obwohl ich bei dem Wort „Erwachsene“ doch immer noch an das Zitat von Neil Gaiman denken muss: „Es gibt keine Erwachsenen. Es gibt nur Menschen, die aussehen wie Erwachsene.“ Oder an das, was ich mit vierzehn oder fünfzehn schrieb: Sie sollten nicht Erwachsene heißen, sondern Verwachsene. Womit wir bei der ersten der vielen Fragen wären, die ich im Laufe dieser Aufzeichnungen stellen will: Ist es wirklich erstrebenswert, sich in dieses Kostüm der Allwissenden zu kleiden, seine Sätze zu verkürzen und sich in all das einzufügen, was sie einem im Laufe der Jahre lehren? Wollen wir wirklich so verkümmern, irgendwann in den Rahmen passen, nur noch klassische Musik hören und unsere wirklichen Gefühle verleugnen, denen wir irgendwann, ab dem passenden Reifegrad, die richtigen Namen geben: Wut, Trauer, Enttäuschung. Am besten vor dem passenden Therapeuten.