Theresa Rath

Autorin


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Mein Richter

Egal, wo auf der Erde ich bin,
ich bin gefangen.
Egal, ob ich renne, ob ich fliehe,
ob ich auf Gipfeln stehe
oder auf den Grund des Meeres sehe,
ich bin nicht frei.

Egal, wie weit fort von dir ich gehe,
du erreichst mich
und sprichst dein Mantra der Schuld.
Egal, was ich tue,
deine Stimme flüstert in mir,
verurteilt mich und nimmt mir
die Freude an den Dingen.

Deine Strafe für mich ist
die schlimmste und klügste,
denn du brauchst mich nicht bewachen,
du brauchst mich nicht gefangen nehmen,
du brauchst keine Gitter, keine Ketten,
denn du bist in mir und kein Exil kann mich retten.

Egal, wohin ich gehe, du bist schon da
und brichst deinen Stab über mir.
Du wartest auf mich in den Nischen meiner Träume,
am Rande meines Schlafes,
in einsamen Stunden, im Rachen meiner Angst,
wartest du und findest mich immer
und richtest und richtest und richtest.


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Zeit

„Ich habe keine Zeit.“

Was ist das für eine Aussage?

Jeder von uns hat Zeit. Manche mehr, manche weniger. Das hängt davon ab, wann wir sterben. Überhaupt, kann man Zeit überhaupt haben? Ist es nicht eher so, dass wir in der Zeit leben, mit ihr leben oder sogar durch sie leben?

Wer sagt, er habe keine Zeit, meint eigentlich, er nimmt sich keine Zeit. Und das hat nun wirklich nichts mit der fehlenden Möglichkeit, sondern vielmehr mit der Prioritätensetzung zu tun. Wer behauptet, er habe keine Zeit, dem ist es wichtiger, andere Dinge zuerst zu tun, zu arbeiten, Termine wahrzunehmen, zu schlafen. Der hat vielleicht auch einfach keine Lust. Oder aber er hat Lust, fühlt sich aber durch den Zwang irgendwelcher gesellschaftlicher Opportunitäten davon abgehalten, das zu tun, was ihm gefallen würde.

Fakt ist: Uns mangelt es im Zweifel nicht an Zeit, uns mangelt es am Willen, sie in erholsamer Weise zu verwenden, oder an der Fähigkeit, frei über sie zu verfügen, weil wir das verlernt oder niemals gelernt haben. Das Einzige auf der Welt, woran wir alle reich sind, bis wir sterben, ist jedenfalls Zeit.


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Aus purer Verzweiflung

Wo fette Frauen Eis schleckend schmatzen
und dreckige Penner nach Bier stinkend ratzen,
wo Bettler ihre Spender beschimpfen
und bessere Bürger die Nasen rümpfen,
wo Fahrräder mir den Weg versperren
und Halbwüchsige in Handys plärren,
wo schwitzende Touris Karten ausklappen
und Schwarzfahrer ihre Strafe berappen,
da hilft leider nur noch die Kopfhörer ziehn,
im Sommer, in der S- oder U-Bahn Berlin.


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Geschichte aus „Nautilus“: Egal, wo du hingehst

Das Wasser sah aus wie dickflüssiger Schlamm. Grau und träge schlugen die Wellen an den farblosen Strand, dessen körniger Sand zwischen den Zehen klebte. Die Wolken, die vom Meer aus über die Insel trieben, waren regenschwer. Der Wind fegte unbarmherzig über die spärlich mit Gras bewachsenen Dünen und trug ihren Sand über das Land bis auf die kargen Felder, deren grobes Korn ausnahmslos nach Salz schmeckte.
Die Bewohner waren von der Kargheit ihrer trostlosen Umgebung gezeichnet. So grau wie das Wasser waren ihre Gesichter. Das Salz hatte ihnen die Farbe aus den Haaren gewaschen und die Haut aufgeraut. Unter ihrer Kleidung schienen sie ausgemergelt, denn das Meer schenkte den Menschen hier keinen Fisch, nur Treibgut und Algen. Das Brot aus dem salzigen Korn aßen sie nur widerwillig und ohne großen Appetit.
Eine Traurigkeit lähmte sie, die über Generationen zu einem Teil ihres Wesen geworden war und ihnen Fröhlichkeit und Feste verbot. Die Menschen senkten den Blick, wenn sie aneinander vorbeigingen, und abends versteckten sie sich in ihren Häusern, als erwarteten sie etwas Böses. An den meisten Tagen hing der Nebel so dicht über der Insel, dass man vom eigenen Haus nicht bis zu dem des Nachbarn sehen konnte. Am Ufer war es noch schlimmer. Dort schien der Neben deln Menschen in die Augen zu dringen und sie blind zu machen.

Schon als Kind träumte Julian davon, die Insel zu verlassen. In Büchern las er von fernen Ländern, die niemals endeten und in denen man über den Horizont hinausgehen konnte. Dort, so hatten die Bücher ihm verraten, hab es Berge und Täler, Wälder und Strände, Städte und Straßen – und an einem Ort sprach man andere Sprachen als an einem anderen. Doch keiner der Inselbewohner war jemals auf jenem seltsamen Festland gewesen und Fragen danach waren nicht gern gehört. Man verließ die Insel nicht.
Das Meer ist böse, erzählten die Älteren und die Angst in ihren verhangenen Augen war ansteckend. Und dennoch wuchs in Julian der Wunsch, eines Tages das Festland zu entdecken. Je älter er wurde, umso mehr brannte in ihm das Verlangen, die Insel zu verlassen. Doch das Meer stand zwischen ihm und seinem Ziel. Als Julians Großvater so alt gewesen war wie er, hatte es auf der Insel einen Hafen gegeben. Dort hatten Schiffe geankert und Menschen waren auf das Meer hinausgefahren, um zu fischen oder neue Orte zu entdecken, von denen sie dann seltsame Dinge mitbrachten. Doch das war lange vorbei. Die Schiffe waren zerstört worden, denn zu viele der Matrosen waren nicht wiedergekommen. Schließlich verbot man den übrigen, auf das Meer hinauszufahren, das die Männer gefressen hatte wie ein gieriger Raubfisch.

Mit den Jahren wurde Julians Abneigung gegenüber den Inselbewohnern und dem kleinen Leben, das er leben sollte, zu Bedrückung. Er sehnte sich immer mehr danach, irgendwo anders hingehen zu können, an einen Ort, an dem das Essen nach etwas schmeckte und die Menschen von Zeit zu Zeit ein Lächeln auf ihren Gesichtern zeigten. Heimlich versuchte er in Ufernähe, sich das Schwimmen beizubringen. Einige Male wäre er dabei beinahe ertrunken, doch er lernte es schließlich von den Hunden, die oft am Strand nach Möwen jagten. Immer länger wurden die Strecken, die er überwinden konnte, ohne mit seinen Füßen den schlammigen Grund zu berühren. Je besser er wurde, desto mehr quälten ihn die Fragen, auf die es keine Antwort zu geben schien: Wohin sollte er schwimmen? Wie weit mochte es sein bis zum nächsten Ort, an dem Menschen lebten? War es überhaupt möglich, schwimmend dorthin zu gelangen?
Immer, wenn die Sehnsucht so groß wurde, dass er nicht schlafen konnte, stolperte Julian am Strand durch den Nebel. Die Älteren erklärten Julian, die Sehnsucht würde mit der Zeit vergehen, doch ihre Prophezeiung erfüllte sich nicht. Nur die Hoffnung starb in Julian und so fand sich der junge Mann – von den Umständen gezwungen – mit seinem Schicksal ab.

Als er seinen Traum, die Insel zu verlassen, bereits vergessen hatte, sah er sie zum ersten Mal. Zunächst waren sie ihm wie Lichter vorgekommen, die an vereinzelten Stellen den Nebel durchdrangen. Als er jedoch zum Ufer lief, wurde das Leuchten immer klarer, bis er schließlich die Umrisse von menschenähnlichen Gestalten erkennen konnte. Er ging immer weiter auf sie zu, bis das Wasser seine Füße umspülte, als die Schemen plötzlich zu ihm sprachen: „Wir bringen dich auf die andere Seite des Meeres“, wisperten sie und erzählten von den Wundern, die er dort vorfinden würde.
Da erinnerte Julian sich an die Geschichten von den Sirenen, die sein Vater ihm immer wieder erzählt hatte. Angst ergriff ihn und zog ihn zurück in das Elternhaus. Seitdem sah er die Schemen jede Nacht von seinem Fenster aus. Sie waberten wie der Nebel selbst über dem Wasser auf und ab und riefen ihn. Zunächst zog er die Vorhänge zu, um sie auszusperren, doch nachdem sie ihm nichts taten und ihn nicht drängten, verflog sein Misstrauen und er begann, sich mit ihnen zu unterhalten. Sie verrieten ihm Dinge über das Festland, die er aus Büchern nicht hatte lernen können. Und sie behaupteten, dass nicht weit hinter dem Nebel die Küste einer völlig anderen Welt lag. Auch boten sie ihm an, ihn dorthin mitzunehmen, doch er vertraute ihnen noch nicht gänzlich. Es erschloss sich ihm nicht, er oder was sie waren. Oft zweifelte er an ihrer Existenz und war sich sicher, über seinem Unglück verrückt geworden zu sein.

Schließlich jedoch geschah etwas, das seine Zweifel wegwischte. In der Nacht zuvor waren die Schemen besonders hell. Sie waren näher als sonst, tanzten erstmals auch über das Land und flüsterten wild durcheinander. Julian erschrak über ihr aufgeregtes Gebaren und war sich sicher, dass auch die anderen sie nun sehen mussten.
Am Morgen hatte das Feuer bereits die Hälfte aller Felder niedergebrannt. Julian brach beim Anblick der verkohlten Erde in Tränen aus, doch die anderen Inselbewohner standen reglos neben ihm. Als Julian seinen Vater fragte, was sie nun tun würden, schüttelte dieser nur den Kopf und ging zurück in Richtung seines Hauses. Julian folgte ihm und schlug vor, ein Boot zu bauen und abseits der Insel nach einem Ersatz für das Korn zu suchen. Da wurde sein Vater wütend. Er fuhr herum und schlug seinem Sohn mit der flachen Hand ins Gesicht. Dann verschwand er im Haus und die Tür flog hinter ihm ins schloss. Julian traute sich lange Stunden nicht nach Hause. Als er sich schließlich ein Herz fasste und in die kleine Küche trat, servierte die Mutter grade eine dünne Kartoffelsuppe. Dabei murmelte sie, man müsse den Gürtel nun enger schnallen. Und das taten sie alle: Sie schnallten den Gürtel enger.
In diesem Moment begriff Julian, dass er nicht länger bei diesen Menschen bleiben konnte. Ihre Fügsamkeit brachte ihn um. Er konnte nicht mehr zusehen, wie sie ihre kleinen Leben lebten und sich jedem Schicksal teilnahmslos unterwarfen.
Als in der Nacht die Schemen wieder nach ihm riefen, folgte er ihnen, ohne zu zögern.

THE SYCAMORE TREE  Nautilus

Aus: THE SYCAMORE TREE Nautilus (Limited Buch & CD) ISBN: 978-3-943876-56-7

Er spürte erst den Sand an seinen Füßen und dann wie die Wellen daran leckten. Als er bis zur Brust im Wasser stand, warf er sich nach vorn und tauchte ein. Die Schemen hingen in der Ferne über der Meeresoberfläche. Julian schwamm auf sie zu. Sie riefen ihn und gratulierten ihm zu seiner Entscheidung, doch blieben sie ihm fern. Und auch als er immer schneller schwamm, konnte er sie nicht erreichen. Erst als er hinter sich das Ufer nicht mehr sah, überkam ihn wieder die Angst. Waren es doch Sirenen, die ihn nun erfolgreich in die Falle gelockt hatten?
„Gleich bist du da“, flüsterten sie ihm zu und er war sich unsicher wie nie, ob sie nicht bloß Stimmen in seinem Kopf waren, die ihn in den Tod lockten. Dennoch schwamm er weiter, denn er konnte sich kaum vorstellen, dass er den Weg zurück noch meistern würde. Nein, das Rettende musste vor ihm liegen, wenn es denn Rettung geben sollte.
Allmählich spürte Julian, wie seine Glieder schwerer wurden. Die Arme hoben sich nicht länger mühelos aus den Wellen. Seit Atem ging unregelmäßig. Er war erschöpft.
Nichts wünschte er sich mehr, als sich einen Moment ausruhen zu können, um neue Kraft zu schöpfen. Er wollte sich irgendwo festhalten, denn er selbst wurde sich zu schwer. Doch da war nichts, außer der Kälte, die von unten kam und wie ein gieriges Tier an ihm zog. In der Ferne begannen die Gestalten zu kichern und zu spotten. Sie zuckten über den Nachthimmel, dass Julian die Augen schmerzten. Noch immer hörte er ihre Rufe, doch seine Muskeln brannten und er spürte, dass er sich nicht mehr halten konnte. Er wollte strampeln und kämpfen, doch sein Körper war zu müde. Bevor er in die Tiefe sank, sah er vor seinem inneren Auge noch einmal sich selbst auf jene fernen Lichter zuschwimmen, die nicht näher kamen. Das also war mit Horizont gemeint.

Julian drehte den Kopf und erkannte einen Mann, der über ihm stand und ihn musterte.
„Wo bin ich?“, fragte er.
Der Mann nannte einen Namen, den Julian noch nie gehört hatte.
Er hatte es geschafft. Also war er doch nicht ertrunken. Stattdessen hatte das Meer ihn an ein neues Ufer gespült. Julian lächelte. Er konnte sein Glück kaum fassen.
Der Fremde sah ihn verständnislos an. Dann wandte er seinen müden Blick von ihm ab und ging in Richtung der Dünen.
„Halt, wo wollen Sie denn hin?“, rief Julian ihm nach und drehte sich auf die Seite. Das Aufstehen fiel ihm schwer.
Schwankend schaute er sich um.
Die Wolken, die vom Meer aus über das Land trieben, waren regenschwer und das Wasser, das seine Füße umspülte, sah aus wie dickflüssiger Schlamm. Julian blickte dem Fremden hinterher, der immer kleiner wurde und schließlich hinter den spärlich mit Gras bewachsenen Dünen verschwand.