Theresa Rath

Autorin


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Idole

Du bist für mich
wie ein Idol gewesen.
Ich habe deine Fotos
an die Wand gehängt.
Ich habe deine Worte
zitiert.
Ich wollte dir zeigen,
was ich kann.
Und wie ein Idol
hat es dich nicht interessiert.
Doch glaube mir,
Idole verlieren ihren Zauber.
Und dann sind sie nur noch
Menschen, die nichts
interessiert.


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Die Hasenscharte

Adrians Eltern sprechen nicht über das Etwas, das sein Gesicht entstellt. Doch er hat davon gelesen. Und er hat Fotos gesehen von Menschen, denen eine Hasenscharte über das Gesicht läuft, von der Oberlippe bis zur Nase. Er hat gesehen, wie manchen ein Schneidezahn durch das Loch im Mund lugt und wie ihre verformten Nasen mitten in den Gesichtern ihren Platz beanspruchen. Er kann sich lispeln hören.

Adrian traut sich nicht, in den Spiegel zu sehen. Vielleicht würde er es nicht ertragen können. Er weiß, dass er kleiner ist als die anderen Kinder. Sein Körper ist schwach und er kränkelt oft. Das genügt ihm. Er muss nicht auch noch sehen, wie schlimm es im Gesicht ist. In der Schule geht er nicht zur Toilette, um den Spiegeln zu entgehen.

Wenn Adrian anderen Jungen seines Alters begegnet, dann blickt er voller Bewunderung zu ihnen auf und stellt sich vor, wie es wäre, so groß und kräftig zu sein wie sie. Aber meistens ist er ohnehin allein. Er fühlt sich nicht zugehörig. Es ist, als würde seine Bewunderung ihn von den anderen Kindern abkehren, als spürten sie, dass sie in zwei Ligen spielten, der eine Bewunderer, die anderen Bewunderte.

Am seltsamsten ist es mit den Eltern. Manchmal kommt es Adrian vor, als würden sie ihn verstecken. Als schöben sie ihn hinter ihre Rücken, damit er ungesehen bleibe. Er hat sich angewöhnt, auf dem Zimmer zu bleiben, wenn Besuch kommt. Die Freunde seiner Eltern mustern ihn mit einer Mischung von Mitleid und Abscheu. Keiner will ihm beim Sprechen zusehen, und als würde das eine das andere bedeuten, will ihm auch keiner zuhören. Daher ist Adrian leise und bedacht in seinen Bewegungen, denn er weiß, dass er andere erschreckt, wenn er zu viel von sich zeigt.

Adrians Bruder ist wenige Jahre jünger und trotzdem kommt es Adrian vor, als sei er schon viel länger auf der Welt als er selbst. Jonas hat keine Hasenscharte. Sein Gesicht ist frei von jedem Makel, große braune Augen lugen unter dichtem, dunklen Haar hervor und verzaubern die Erwachsenen mit ihrem unschuldigen Blick. Adrian liebt seinen Bruder. Auch wenn er jünger ist als er, kommt es ihm vor, als sei er ein Vorbild, ein unerreichbar ferner und umso mehr bewunderter Mensch.

Es gibt im Wohnzimmer des Hauses, in welchem Adrian mit seiner Familie lebt, eine Wand, an der Familienfotos hängen. Manchmal, wenn er nachts nicht schlafen kann, schleicht Adrian sich hinunter ins Wohnzimmer, um die Wand zu betrachten. Er schließt dann leise die Tür und schaltet das Licht ein. Abgeschirmt von den Schlafenden und in eine Decke eingehüllt, betrachtet er die Fotos. Er sieht Jonas, mit stolzem Lächeln, am Tag seiner Einschulung. Er sieht die Eltern, in Anzug und Kleid, am Tag ihrer Heirat. Und er sieht in einer langen Reihe untereinander Fotos der Familie, alle drei zusammen, lächelnd, zurechtgemacht, in die Kamera blickend. Alle drei. Er selbst ist auf keinem dieser Fotos.

Adrian hegt keinen Groll gegen seine Eltern, die nur von seinem Bruder Fotos an die Wand hängen. Wenn er sich vorstellt, wie er aussieht, dann versteht er, dass sie ihn nicht auch noch ansehen wollen, wenn er grade nicht da ist. Er ist nicht traurig und verspürt keinen Neid. Sein Aussehen ist sein Schicksal und er nimmt es an. Manchmal aber überfällt ihn etwas, das er nicht benennen kann. Sein Geist scheint dann schwerer zu werden und er muss sich anstrengen, um sich zu bewegen. An diesen Tagen weicht er den Blicken der Eltern aus, wenn sie ihn doch einmal streifen. Dieses Gefühl bleibt selten länger und irgendwann ist es beim Aufwachen verschwunden. Adrian nimmt dann wieder seinen Platz ein, ohne zu fragen, und hält sich beim Essen die Hand vor den Mund. Er verspürt kein Verlangen, einen Platz an der Wand zu bekommen. Es gibt keinen Grund, nicht einverstanden mit seinem Fehlen dort zu sein. Er ist, was er ist.

Einmal im Jahr jedoch schmerzt es ihn. Dann schmilzt sein Verständnis für sein Schicksal und er wünscht sich brennend, die Hasenscharte möge aus seinem Gesicht verschwinden und durch einen so ebenmäßigen Mund ersetzt werden, wie Jonas ihn hat. An diesem Tag fährt seine Familie zum Fotografen, um das jährliche Familienfoto machen zu lassen. Auch wenn Adrian es versteht, dass ihm kein Platz an der Wand zugeteilt wird, so verlangt es ihn doch danach, gemeinsam mit seiner Familie die schöne Kleidung anzuziehen und dann, in eine Wolke von Anmut gehüllt, die Tür zum Laden des Fotografen aufzustoßen. Es verlangt ihn danach, sich vor dem blaugrauen Hintergrund zu positionieren und die Hände seiner Eltern auf den Schultern zu fühlen. Es verlangt ihn danach, dieses Lächeln zu lächeln, das Jonas auf all den Fotos zeigt: Das Lächeln eines Jungen, der weiß, dass ihm die Welt zu Füßen liegt und der seine Geborgenheit in jeder Pore spürt. Danach am allermeisten.

Aber Adrian bleibt immer im Auto sitzen. Seine Eltern steigen mit Jonas aus, es ist nicht der Erwähnung wert. Wenn sie wiederkommen, tragen sie eine beigefarbene Mappe bei sich, in welcher ein glänzendes Foto steckt. Ein Foto, auf welchem ein noch hübscherer Jonas lächelt als im Jahr zuvor. Ein Foto, auf welchem die gleichen glücklichen Gesichter der Eltern strahlen. Ein Foto ohne ihn.

Und in einem Jahr schmerzt es plötzlich besonders. Jonas ist herausgeputzt und trägt sein erstes Hemd. Der Kragen lässt sein Gesicht schmaler wirken und nimmt ihm die kindlichen Rundungen. Adrian kann nicht aufhören, seinen Bruder anzusehen.

Als Jonas Adrians Blick bemerkt, fragt er: „Was schaust du denn so komisch?“

Aber Adrian kann nicht antworten. Etwas steckt in seiner Kehle und macht sich breit, sodass kein Laut mehr von seinen Stimmbändern zu seinem Mund gelangen kann. Er hat ein Gefühl, als breche eine Mauer in ihm ein. Plötzlich füllen Tränen seine Augen. Er kann es nicht verhindern. Eine heftige Trauer überfällt ihn und er empfindet die Ungerechtigkeit seines Schicksals zum ersten Mal. Er bemüht sich verzweifelt, sich zu beruhigen, und die ruhige Akzeptanz wieder herzustellen, die ihn bisher begleitet hat. Aber sobald er Jonas anblickt, stürzt wieder alles in sich zusammen.

Als seine Eltern das Auto parken und den Motor ausstellen, atmet Adrian tief ein, in einem letzten Versuch, seine vormalige Haltung wiederzuerlangen. Doch als sie die Türen hinter sich zuschlagen und sich nicht einmal nach ihm umdrehen, kann er die Tränen nicht mehr halten. Er wünscht sich so sehr, an der Stelle dieses Jungen zu sein, der sein Bruder ist, den er liebt, und der ihm doch fremder ist als alles andere auf der Welt.

Ein starkes Verlangen ergreift ihn, seine Hässlichkeit in vollem Ausmaß zu sehen, den Grund festzuhalten, der ihn so abscheulich macht.

Die Eltern haben das Auto nicht abgeschlossen. So schnallt Adrian sich ab und steigt aus. Schnellen Schrittes und mit vernebeltem Blick wendet er sich in Richtung des Einkaufszentrums, in dem seine Eltern immer ihren Wochenendeinkauf tätigen. Dort angekommen entdeckt Adrian schnell den Fotoautomaten. Jedes Mal, wenn er mit seinen Eltern einkaufen war, hat er einen großen Bogen darum gemacht. Der Automat und seine Erzeugnisse schienen ihm verachtenswert im Vergleich zu den Fotos, die seine Eltern vom Fotografen mitbrachten. Aber nun erscheint es Adrian genau die richtige Abstufung zu sein: Seine Eltern sitzen mit ihrem schönen Sohn beim Fotografen und lassen sich für viel Geld verewigen, während der Hässliche sich in die Fotokabine zwängt und den Vorhang hinter sich zuzieht.

Adrian schiebt das Geld in den Automaten und es kommt ihm vor, als schlucke das Gerät gierig die Münzen, gleichgültig gegenüber der Hässlichkeit seiner Aufgabe, unfähig, sich zu weigern, den Jungen mit der Hasenscharte zu fotografieren. Adrian setzt sich auf den Hocker und blickt gradewegs in die Kamera. Er bemüht sich nicht, ein freundliches Gesicht zu machen. Diese Fotos wird er niemandem zeigen. Es sind Bilder für ihn, Bilder die ihn wieder verstehen lassen werden, weshalb er nicht mit hineingehen darf zu dem Fotografen, warum es richtig ist, ihn außen vor zu lassen.

Der Automat beginnt zu piepen. Das Piepen wird schneller. Dann folgt ein Klicken und ein Blitz erhellt kurz die Kabine.

Jetzt ist es geschehen, denkt Adrian. Sein Magen krampft sich zusammen. Jetzt ist seine Hässlichkeit verewigt.

Er bewegt sich nicht, als der Automat wieder zu Piepen beginnt. Nachdem noch drei weitere  Male ein greller Blitz durch die Fotokabine gezuckt ist, wird Adrian aufgefordert, eines der Fotos auszuwählen. Er sieht nicht hin und drückt auf das Erstbeste. Der Automat beginnt leise zu brummen.

Adrian bleibt still auf dem Hocker sitzen und wartet. Schließlich schiebt sich aus dem Schlitz an der Vorderseite des Automaten ein glänzendes Papier.

Adrian betrachtet es aus dem Augenwinkel, ohne es richtig ansehen zu wollen. Wird er es ertragen können?

Er schließt die Augen und streckt die Hand nach dem Papier aus. Daumen und Zeigefinger schließen sich um die glatte Oberfläche des Fotos und die rauere Rückseite. Von dem Papier scheint eine elektrische Spannung auszugehen.

Adrian atmet tief ein, dann schlägt er die Augen auf und blickt auf das Foto. Blickt in sein Gesicht, das ihn aus vier identischen Bildern heraus ansieht. Etwas irritiert ihn. Er blinzelt heftig, kneift die Augen noch einmal fest zusammen und öffnet sie erneut.

Er hat sich nicht getäuscht.

Da ist keine Hasenscharte.


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Einmal mehr wünsche ich mir Magie

Wenn ich all die Wünsche,

die ich an dich gehabt habe,

zu Geld machen könnte,

wäre ich reich.

Wenn ich all die Jahre,

die ich auf dich gehofft habe,

verschwenden könnte,

hätte ich Zeit.

Wenn all die Male,

die du mich ablehntest,

Grund zur Freude gewesen wären,

wäre ich glücklich.

Aber niemand kann die Dinge

in ihr Gegenteil verkehren.


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Kein Heimvorteil – Ein Psychologenkind im Wahnsinn (volle Version)

Ich wurde als Kind zweier Diplompsychologen geboren. Man könnte annehmen, dass ich die beste Erziehung genossen habe. Schließlich haben meine Eltern fünf Jahre Bücher gewälzt und ihr Innerstes nach Außen gekehrt. Aber. Aber! Es gibt einen Unterschied zwischen dem adäquaten Umgang mit den Klienten und dem eigenen Kind. Psychologie funktioniert subtil. Und mit den Patienten ist ein subtiler Umgang ratsam, wenn man nicht ständig eine Klage wegen Beleidigung am Hals haben will. In der Beziehung zum eigenen Kind jedoch können Doppelmoral und zusammenhanglose Bestrafungen seltsame Verhaltensweisen auslösen.

Und so ging es mir als Kind dieser überpsychologisierten Eltern: Ich wurde seltsam und kam mir auch so vor. Aber dann fand ich bei meiner Mutter ein Buch: Anna Freud – Psychoanalyse für Pädagogen.

Dieses Buch wurde zu meiner Bibel. Das Gefühl des Seltsamseins löste sich auf und an seine Stelle trat ein umfassendes Verstehen und eine Erleichterung über mein Freisein von aller Schuld. Ich erfuhr, wie ich Entwicklungsstufe um Entwicklungsstufe gegen die Wand gefahren wurde. Als erstes in der oralen Phase,  in der das Urvertrauen des Kindes entwickelt werden soll. Meins nicht. Nach dem Abitur tat ich mich schwer mit der Berufswahl: Medizin, Jura, Mathematik, Biologie, Geschichte…Alles schien mir zu gering, kurz und gut: zu klein. Aber woher mochte das rühren? Die Antwort auf diese Frage fand ich in meiner oralen Phase.

Meine Mutter hatte schon immer eine recht kleine Oberweite. Die ersten neun Monate meines Lebens säugte sie mich aus diesen kleinen Brüsten. Da aber ein Baby seine Umgebung nur mit dem Mund erforscht und wenig anderes tut als schlafen und saugen, kam mir die A-Körbchen Welt, in der ich mich bewegte, entsetzlich klein vor. Ich suchte nach einem Halt, aber da war nichts. Mein oral-kaptatives Antriebserleben verfing sich in Brustbeinen und Schulterblättern. Seitdem ist in mir der Wunsch nach etwas Größerem. Es zieht mich in Weltstädte und zu riesigen Themenbereichen. Die Welt ist nicht genug für mich. Auch mein Jurastudium befriedigt mich nicht. Daher erwäge ich nun, Astronomie zu studieren – um an unserem Universum einmal wahre Größe zu erfahren.

Meiner kleinen Welt wurde ein plötzliches Ende gesetzt. Mit neun Monaten erkrankte ich an Lungenentzündung. Ich musste ins Krankenhaus und die kleinen Brüste meiner Mutter stellten schwupp di wupp ihre Milchproduktion ein. Als ich zurückkehrte, war nichts mehr wie zuvor. Man hatte meine kleine Welt durch NUK-Fläschchen mit Elastiksaugern ersetzt. Das Trauma setzte sich fest. Vierzehn Jahre nach meiner Erkrankung stellte ich das Essen ein, wohl mit dem Hintergedanken, an den Tropf zurückzukehren.

Auch in der analen Phase lief es trotz des Fachwissens meiner Eltern nicht besser. In dieser Phase lernen Kinder, aufs Klo zu gehen. Es geht um Autonomie, darum, wann sie den Besitz ihres Körpers abgeben und wann sie ihn behalten. Kinder, die streng zur Reinlichkeit erzogen werden, können grobe Schäden davontragen. Ich brauchte mit grade zwei Jahren nicht mehr gewickelt zu werden. Das Thema Kot war ein peinliches und ich sollte mich nicht damit auseinandersetzen. So entwickelte ich mich schon früh zur Zwangsneurotikerin. Ich ziehe noch heute zwanghaft Stecker und behandle den Dreck dieser Gesellschaft mit neurotischer Arroganz, um ihn mit meinem zwanghaften Ordnungswahn zu eliminieren. Böse Kommentare oder abwertende Blicke entschlüpfen mir unkontrolliert. Seit ich den Grund dafür kenne, backe ich öfter Kuchen. Das soll Kindern anstelle von Kot dazu dienen, ihr intentionales Antriebserleben auszuleben.

Da meine Psychologen…äh…Eltern nach dem Motto „Wenn schon, denn schon“ handelten, nun meine phallische Phase: Die Entwicklung von Kindern vollzieht sich in Stufen. Jede Phase baut auf der vorherigen auf. Beim Eintritt in die phallische Phase war ich mit Fixierungen aus der oralen und der analen Phase gespickt.

Man glaubt gar nicht, was man bei Kindern alles falsch machen kann! Eigentlich denkt man ja, es sei nur recht und billig, wenn das eigene Kind nicht in die Toilette greift und mit seinem Kot spielt, aber mich hatte das zur Zwangsneurotikerin gemacht. Derartig prädisponiert sollte ich die sexuellen Beziehungen erforschen. Mir boten sich keine besonders guten Aussichten. Wenige Monate zuvor hatten meine Eltern sich getrennt und mein Vater war hinter der Fassade seiner Minibar verschwunden. Während andere Mädchen ihre Väter unter der Dusche beobachteten, konnte ich nichts Derartiges tun.

In der phallischen Phase wollen Kinder das andersgeschlechtliche Elternteil ganz für sich gewinnen. Gleichzeitig versuchen sie, das gleichgeschlechtliche Elternteil zu ersetzen. Diese Möglichkeit war mir durch das Fehlen eines Vaters genommen. Ich entwickelte eine blühende Phantasie, um das Fehlen meines Vaters zu kompensieren. Man sah mich häufig wild gestikulierend umhergehen, mit Gegenständen sprechen und nicht vorhandenen Personen zuwinken. Auch heute noch habe ich Probleme mit meiner sexuellen Identität und fühle mich aufgrund der langen Zeit, die ich allein verbracht habe, mir selbst am nächsten. Ich finde meinen eigenen Körper unheimlich attraktiv. Mir ist noch niemand begegnet, der mit mir mithalten konnte.

Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie sehr mir Anna Freuds Buch geholfen hat. Ich verstehe nun, wie das Verhalten meiner Eltern mich geprägt hat: der Alkoholismus meines Vaters, die Kleinbusigkeit meiner Mutter, meine frühe Erziehung zur Reinlichkeit. Ich erwarte von meinen Eltern nicht mehr, dass sie ihr Verhalten reflektieren. Ich bin bereit, alles zu vergeben, insbesondere meine eigenen Fehler. Denn der freie Wille ist eine Illusion. Und selbst ausgebildete Psychologen können sich ihren eigenen frühkindlichen Phasen nicht entziehen. Selbst Psychologen sind am Ende nur Menschen.


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Unerfuellbare Wuensche in Argentinien

Wenn nur die Zeit

wieder aus mir

herausgehen koennte

und nicht immer nur

in mich hinein.

Wenn ich an all die Orte denke,

die ich verliess – fuer immer,

ohne es zu wissen,

ohne es zu wollen.

Wenn nur die Zeit

wieder aus mir

herausgehen koennte

und nicht immer nur

in mich hinein.


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Zwangsgedanken

Es kann ganz harmlos anfangen: Du befindest dich auf den Weg zur Arbeit und gehst über die Straße. Da läufst du einem Kollegen über den Weg.

„Guten Morgen“, grüßt er dich und du grüßt zurück: „Hi.“

Er geht weiter und du gehst weiter und alles ist völlig normal. Du hörst noch seinen Gruß in Gedanken und siehst sein Gesicht. Erst nach ein paar Metern kommt dir das kleine Wörtchen „Hallo“ in den Kopf. Hallo.

Du hast hi gesagt, nicht hallo. Du stellst dir die Szene vor, wie sie nicht gewesen ist: Dein Kollege läuft dir über den Weg, sagt „Guten Morgen“. Du siehst ihn an und erwiderst: „Hallo.“ Zwei Silben. Hal-lo. Hallo also. Nicht hi. In dem Moment als es beginnt, weißt du, dass es völlig gleich ist, ob du hallo oder hi gesagt hast, den Kollegen kannst du ohnehin nicht leiden. Aber der Gedanke lässt dich nicht mehr los: Wieder und wieder siehst du ihn und dich über die Straße gehen und du sagst langsam und betont oder schnell und genuschelt oder gedehnt und eitel die zwei Silben: Hallo.

Und er sein Guten Morgen. Guten Morgen, hallo, guten Morgen, hallo, guten Morgen – aber in Wirklichkeit hat sich bei dir dieses kleine Hi eingeschlichen. Das geht nun schon zu lange. Das ist kein einfaches Sich-Vostellen-Wie-Es-Hätte-Anders-Sein-Können mehr. Das ist schon ein Schleifendenken. Ein sich Aufhängen an unabänderlichen Unabänderlichbarkeiten. Das macht schon keinen Spaß mehr.

Während du weitergehst, Richtung Arbeit, und dich dabei Mal um Mal die Straße überqueren siehst, kommt dir der Gedanke, dass du für immer über die Straße gehen musst. Für immer über die Straße gehen und hallo sagen. Für immer. Und die Schleife wiederholt sich und du denkst immer weiter, du hättest hallo gesagt, und mit jedem Mal, dass du hallo denkst, wird dein hi schlimmer, dein hi, das du gesagt hast, anstelle eines einfachen, richtigen hallo. Das kennst du schon. Der Wasserhahn. Weißt du noch, der Wasserhahn? Du hättest ihn abwischen sollen, nachdem du ihn zugedreht hattest, damals. Hast du aber nicht. Beinahe hättest du dein ganzes Leben lang im Kopf Wasserhähne abwischen müssen, wärest du nicht noch einmal umgekehrt und hättest ihn in Wirklichkeit abgewischt. Danach war Schluss. Danach musstest du dir nicht mehr vorstellen, du hättest den Wasserhahn abgewischt, denn du hattest ihn ganz real abgewischt. Danach war gut. Ende.

So ist es jetzt auch: Entweder fährst du wieder und wieder denselben Looping in deinem Kopf oder du kehrst um, holst deinen Kollegen ein, während er dir noch einmal zunickt, und sagst: „Hallo, weißt du, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben, nicht hi.“ Und dann kannst du gehen. Ob es komisch ist? Natürlich ist es komisch. Es ist total komisch. Aber du hast die Wahl: Komisch oder Schleife. Komisch oder Schleife. Komisch oder – Vorsicht, Schleifengefahr.

Also läufst du ihm hinterher. Du musst schnell gehen und nach fünf Minuten hast du ihn eingeholt. Du rufst ihn und – sagst du es? Traust du dich?

Du sagst: „Hi, ich wollte nur sagen, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“ Und er starrt dich komisch an und schüttelt den Kopf und denkt, du willst ihn zum Narren halten, aber das kann dir jetzt egal sein, du bist jetzt in Sicherheit, du hast es gesagt, du hast – aber, Moment! Scheiße! Scheiße! Hast du etwa grade gesagt: „Hi, ich wollte nur sagen…“ Du drehst dich um, der Schreck steht dir ins Gesicht geschrieben. Dein Kollege ist bereits um die nächste Ecke verschwunden. Und du sitzt auf deinen falschen Worten. Du hast schon wieder hi gesagt. Hi, ich wollte sagen, dass ich nicht hi sagen wollte. Wie bescheuert ist das denn? Warum hast du es denn schon wieder falsch gemacht? Jetzt ist es ja noch komplizierter… Dein Fehler macht dich fast wahnsinnig. Hättest du nur dieses Mal von Anfang an hallo gesagt. Hättest du nur einfach gesagt: „Hallo, weißt du, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben, nicht hi.“ Oder: „Hallo, ich wollte nur sagen, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“ Aber du hast es versaut. Du hast schon wieder hi gesagt. Und anstatt, dass nun alles besser ist, dass du die Schleife jetzt beendet hast, musst du dir vorstellen, wieder und immer wieder, wie du umdrehst, zu ihm gehst und sagst: „Hallo, ich wollte nur sagen, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“

Kannst du nun noch einmal zu ihm gehen? Das wäre wirklich zu komisch. Stell dir nur vor, dieses Mal müsstest du hingehen und sagen: „Hallo, ich wollte nur sagen, dass ich grade sagen wollte: Hallo, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“

Und stell dir des Weiteren vor, du hättest stattdessen gesagt: „Hi, ich wollte nur sagen, dass ich grade sagen wollte: Hallo, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“

Und dann müsstest du schon wieder zu ihm gehen und sagen: „Hallo, ich wollte nur sagen, dass ich grade hallo und nicht hi sagen wollte, als ich dir grade sagen wollte, dass ich dir grade sagen wollte, dass ich vorhin irgendwann einmal hallo und nicht hi sagen wollte.“

Aha. Aha – haha. Das wäre ganz schön blöd, oder? Und wenn du dann noch einmal statt hallo hi sagen würdest, dann würdest du irgendwann doch völlig vergessen, was du eigentlich sagen wolltest. Und dabei war es am Anfang nur ein klitzekleines Wort. Und dann stehst du da und sagst: „Hallo, ich wollte nur sagen, dass ich eigentlich hallo sagen wollte, nicht hi, als ich dir vorhin sagen wollte, dass ich vorhin einmal, als ich dir sagen wollte, dass ich nicht hi sondern hallo sagen wollte, dir sagen wollte, dass ich nicht hi meinte, sondern hallo.“ Oder so. Und ich wette, du verzählst dich. Und dann musst du es rekonstruieren in deinem Kopf. Und dann verfranst du dich, und irgendwann ist die Reihe so lang, dass du am Ende nicht einmal mehr weißt, ob du wenigstens dieses Mal am Anfang hallo anstatt hi gesagt hast, und um dir sicher sein zu können, musst du es noch einmal tun. Wenn du dann noch nicht längst auf irgendeiner Aufnahmestation gelandet bist, wo sie deinen geistigen Zustand überprüfen.

Also, mein Freund, was lernen wir daraus? Überlege dir immer gut, ob du lieber hallo oder hi sagen willst.