Theresa Rath

Autorin


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Aus purer Verzweiflung

Wo fette Frauen Eis schleckend schmatzen
und dreckige Penner nach Bier stinkend ratzen,
wo Bettler ihre Spender beschimpfen
und bessere Bürger die Nasen rümpfen,
wo Fahrräder mir den Weg versperren
und Halbwüchsige in Handys plärren,
wo schwitzende Touris Karten ausklappen
und Schwarzfahrer ihre Strafe berappen,
da hilft leider nur noch die Kopfhörer ziehn,
im Sommer, in der S- oder U-Bahn Berlin.


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Freude

Ich vermisse die Freude
in den Augen der Menschen,
die ständig nur von Morgen reden,
und nicht merken, was sie heute tun.

Die von ihren Plänen
für die Zukunft sprechen
und blind vorübergehen
an den schönen Dingen im Jetzt.

Ich vermisse, dass die Menschen
sich über etwas freuen
und nicht bloß auf etwas.
Das ist ein Unterschied.


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Kein Heimvorteil – Ein Psychologenkind im Wahnsinn (volle Version)

Ich wurde als Kind zweier Diplompsychologen geboren. Man könnte annehmen, dass ich die beste Erziehung genossen habe. Schließlich haben meine Eltern fünf Jahre Bücher gewälzt und ihr Innerstes nach Außen gekehrt. Aber. Aber! Es gibt einen Unterschied zwischen dem adäquaten Umgang mit den Klienten und dem eigenen Kind. Psychologie funktioniert subtil. Und mit den Patienten ist ein subtiler Umgang ratsam, wenn man nicht ständig eine Klage wegen Beleidigung am Hals haben will. In der Beziehung zum eigenen Kind jedoch können Doppelmoral und zusammenhanglose Bestrafungen seltsame Verhaltensweisen auslösen.

Und so ging es mir als Kind dieser überpsychologisierten Eltern: Ich wurde seltsam und kam mir auch so vor. Aber dann fand ich bei meiner Mutter ein Buch: Anna Freud – Psychoanalyse für Pädagogen.

Dieses Buch wurde zu meiner Bibel. Das Gefühl des Seltsamseins löste sich auf und an seine Stelle trat ein umfassendes Verstehen und eine Erleichterung über mein Freisein von aller Schuld. Ich erfuhr, wie ich Entwicklungsstufe um Entwicklungsstufe gegen die Wand gefahren wurde. Als erstes in der oralen Phase,  in der das Urvertrauen des Kindes entwickelt werden soll. Meins nicht. Nach dem Abitur tat ich mich schwer mit der Berufswahl: Medizin, Jura, Mathematik, Biologie, Geschichte…Alles schien mir zu gering, kurz und gut: zu klein. Aber woher mochte das rühren? Die Antwort auf diese Frage fand ich in meiner oralen Phase.

Meine Mutter hatte schon immer eine recht kleine Oberweite. Die ersten neun Monate meines Lebens säugte sie mich aus diesen kleinen Brüsten. Da aber ein Baby seine Umgebung nur mit dem Mund erforscht und wenig anderes tut als schlafen und saugen, kam mir die A-Körbchen Welt, in der ich mich bewegte, entsetzlich klein vor. Ich suchte nach einem Halt, aber da war nichts. Mein oral-kaptatives Antriebserleben verfing sich in Brustbeinen und Schulterblättern. Seitdem ist in mir der Wunsch nach etwas Größerem. Es zieht mich in Weltstädte und zu riesigen Themenbereichen. Die Welt ist nicht genug für mich. Auch mein Jurastudium befriedigt mich nicht. Daher erwäge ich nun, Astronomie zu studieren – um an unserem Universum einmal wahre Größe zu erfahren.

Meiner kleinen Welt wurde ein plötzliches Ende gesetzt. Mit neun Monaten erkrankte ich an Lungenentzündung. Ich musste ins Krankenhaus und die kleinen Brüste meiner Mutter stellten schwupp di wupp ihre Milchproduktion ein. Als ich zurückkehrte, war nichts mehr wie zuvor. Man hatte meine kleine Welt durch NUK-Fläschchen mit Elastiksaugern ersetzt. Das Trauma setzte sich fest. Vierzehn Jahre nach meiner Erkrankung stellte ich das Essen ein, wohl mit dem Hintergedanken, an den Tropf zurückzukehren.

Auch in der analen Phase lief es trotz des Fachwissens meiner Eltern nicht besser. In dieser Phase lernen Kinder, aufs Klo zu gehen. Es geht um Autonomie, darum, wann sie den Besitz ihres Körpers abgeben und wann sie ihn behalten. Kinder, die streng zur Reinlichkeit erzogen werden, können grobe Schäden davontragen. Ich brauchte mit grade zwei Jahren nicht mehr gewickelt zu werden. Das Thema Kot war ein peinliches und ich sollte mich nicht damit auseinandersetzen. So entwickelte ich mich schon früh zur Zwangsneurotikerin. Ich ziehe noch heute zwanghaft Stecker und behandle den Dreck dieser Gesellschaft mit neurotischer Arroganz, um ihn mit meinem zwanghaften Ordnungswahn zu eliminieren. Böse Kommentare oder abwertende Blicke entschlüpfen mir unkontrolliert. Seit ich den Grund dafür kenne, backe ich öfter Kuchen. Das soll Kindern anstelle von Kot dazu dienen, ihr intentionales Antriebserleben auszuleben.

Da meine Psychologen…äh…Eltern nach dem Motto „Wenn schon, denn schon“ handelten, nun meine phallische Phase: Die Entwicklung von Kindern vollzieht sich in Stufen. Jede Phase baut auf der vorherigen auf. Beim Eintritt in die phallische Phase war ich mit Fixierungen aus der oralen und der analen Phase gespickt.

Man glaubt gar nicht, was man bei Kindern alles falsch machen kann! Eigentlich denkt man ja, es sei nur recht und billig, wenn das eigene Kind nicht in die Toilette greift und mit seinem Kot spielt, aber mich hatte das zur Zwangsneurotikerin gemacht. Derartig prädisponiert sollte ich die sexuellen Beziehungen erforschen. Mir boten sich keine besonders guten Aussichten. Wenige Monate zuvor hatten meine Eltern sich getrennt und mein Vater war hinter der Fassade seiner Minibar verschwunden. Während andere Mädchen ihre Väter unter der Dusche beobachteten, konnte ich nichts Derartiges tun.

In der phallischen Phase wollen Kinder das andersgeschlechtliche Elternteil ganz für sich gewinnen. Gleichzeitig versuchen sie, das gleichgeschlechtliche Elternteil zu ersetzen. Diese Möglichkeit war mir durch das Fehlen eines Vaters genommen. Ich entwickelte eine blühende Phantasie, um das Fehlen meines Vaters zu kompensieren. Man sah mich häufig wild gestikulierend umhergehen, mit Gegenständen sprechen und nicht vorhandenen Personen zuwinken. Auch heute noch habe ich Probleme mit meiner sexuellen Identität und fühle mich aufgrund der langen Zeit, die ich allein verbracht habe, mir selbst am nächsten. Ich finde meinen eigenen Körper unheimlich attraktiv. Mir ist noch niemand begegnet, der mit mir mithalten konnte.

Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie sehr mir Anna Freuds Buch geholfen hat. Ich verstehe nun, wie das Verhalten meiner Eltern mich geprägt hat: der Alkoholismus meines Vaters, die Kleinbusigkeit meiner Mutter, meine frühe Erziehung zur Reinlichkeit. Ich erwarte von meinen Eltern nicht mehr, dass sie ihr Verhalten reflektieren. Ich bin bereit, alles zu vergeben, insbesondere meine eigenen Fehler. Denn der freie Wille ist eine Illusion. Und selbst ausgebildete Psychologen können sich ihren eigenen frühkindlichen Phasen nicht entziehen. Selbst Psychologen sind am Ende nur Menschen.


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Kein Heimvorteil – Ein Psychologenkind im Wahnsinn (erschienen in der Noir 27)

Unter folgendem Link findet sich der Artikel, der von mir in der 27. Ausgabe der Noir, dem badenwürttembergischen Studentenmagazin, erschienen ist. Er ist auf den Seiten 22/23 zu lesen.

http://jpbw.de/v2/download/publikationen/noir/noir27.pdf