Theresa Rath

Autorin


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Mein Richter

Egal, wo auf der Erde ich bin,
ich bin gefangen.
Egal, ob ich renne, ob ich fliehe,
ob ich auf Gipfeln stehe
oder auf den Grund des Meeres sehe,
ich bin nicht frei.

Egal, wie weit fort von dir ich gehe,
du erreichst mich
und sprichst dein Mantra der Schuld.
Egal, was ich tue,
deine Stimme flüstert in mir,
verurteilt mich und nimmt mir
die Freude an den Dingen.

Deine Strafe für mich ist
die schlimmste und klügste,
denn du brauchst mich nicht bewachen,
du brauchst mich nicht gefangen nehmen,
du brauchst keine Gitter, keine Ketten,
denn du bist in mir und kein Exil kann mich retten.

Egal, wohin ich gehe, du bist schon da
und brichst deinen Stab über mir.
Du wartest auf mich in den Nischen meiner Träume,
am Rande meines Schlafes,
in einsamen Stunden, im Rachen meiner Angst,
wartest du und findest mich immer
und richtest und richtest und richtest.


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Aus purer Verzweiflung

Wo fette Frauen Eis schleckend schmatzen
und dreckige Penner nach Bier stinkend ratzen,
wo Bettler ihre Spender beschimpfen
und bessere Bürger die Nasen rümpfen,
wo Fahrräder mir den Weg versperren
und Halbwüchsige in Handys plärren,
wo schwitzende Touris Karten ausklappen
und Schwarzfahrer ihre Strafe berappen,
da hilft leider nur noch die Kopfhörer ziehn,
im Sommer, in der S- oder U-Bahn Berlin.


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Geschichte aus „Nautilus“: Egal, wo du hingehst

Das Wasser sah aus wie dickflüssiger Schlamm. Grau und träge schlugen die Wellen an den farblosen Strand, dessen körniger Sand zwischen den Zehen klebte. Die Wolken, die vom Meer aus über die Insel trieben, waren regenschwer. Der Wind fegte unbarmherzig über die spärlich mit Gras bewachsenen Dünen und trug ihren Sand über das Land bis auf die kargen Felder, deren grobes Korn ausnahmslos nach Salz schmeckte.
Die Bewohner waren von der Kargheit ihrer trostlosen Umgebung gezeichnet. So grau wie das Wasser waren ihre Gesichter. Das Salz hatte ihnen die Farbe aus den Haaren gewaschen und die Haut aufgeraut. Unter ihrer Kleidung schienen sie ausgemergelt, denn das Meer schenkte den Menschen hier keinen Fisch, nur Treibgut und Algen. Das Brot aus dem salzigen Korn aßen sie nur widerwillig und ohne großen Appetit.
Eine Traurigkeit lähmte sie, die über Generationen zu einem Teil ihres Wesen geworden war und ihnen Fröhlichkeit und Feste verbot. Die Menschen senkten den Blick, wenn sie aneinander vorbeigingen, und abends versteckten sie sich in ihren Häusern, als erwarteten sie etwas Böses. An den meisten Tagen hing der Nebel so dicht über der Insel, dass man vom eigenen Haus nicht bis zu dem des Nachbarn sehen konnte. Am Ufer war es noch schlimmer. Dort schien der Neben deln Menschen in die Augen zu dringen und sie blind zu machen.

Schon als Kind träumte Julian davon, die Insel zu verlassen. In Büchern las er von fernen Ländern, die niemals endeten und in denen man über den Horizont hinausgehen konnte. Dort, so hatten die Bücher ihm verraten, hab es Berge und Täler, Wälder und Strände, Städte und Straßen – und an einem Ort sprach man andere Sprachen als an einem anderen. Doch keiner der Inselbewohner war jemals auf jenem seltsamen Festland gewesen und Fragen danach waren nicht gern gehört. Man verließ die Insel nicht.
Das Meer ist böse, erzählten die Älteren und die Angst in ihren verhangenen Augen war ansteckend. Und dennoch wuchs in Julian der Wunsch, eines Tages das Festland zu entdecken. Je älter er wurde, umso mehr brannte in ihm das Verlangen, die Insel zu verlassen. Doch das Meer stand zwischen ihm und seinem Ziel. Als Julians Großvater so alt gewesen war wie er, hatte es auf der Insel einen Hafen gegeben. Dort hatten Schiffe geankert und Menschen waren auf das Meer hinausgefahren, um zu fischen oder neue Orte zu entdecken, von denen sie dann seltsame Dinge mitbrachten. Doch das war lange vorbei. Die Schiffe waren zerstört worden, denn zu viele der Matrosen waren nicht wiedergekommen. Schließlich verbot man den übrigen, auf das Meer hinauszufahren, das die Männer gefressen hatte wie ein gieriger Raubfisch.

Mit den Jahren wurde Julians Abneigung gegenüber den Inselbewohnern und dem kleinen Leben, das er leben sollte, zu Bedrückung. Er sehnte sich immer mehr danach, irgendwo anders hingehen zu können, an einen Ort, an dem das Essen nach etwas schmeckte und die Menschen von Zeit zu Zeit ein Lächeln auf ihren Gesichtern zeigten. Heimlich versuchte er in Ufernähe, sich das Schwimmen beizubringen. Einige Male wäre er dabei beinahe ertrunken, doch er lernte es schließlich von den Hunden, die oft am Strand nach Möwen jagten. Immer länger wurden die Strecken, die er überwinden konnte, ohne mit seinen Füßen den schlammigen Grund zu berühren. Je besser er wurde, desto mehr quälten ihn die Fragen, auf die es keine Antwort zu geben schien: Wohin sollte er schwimmen? Wie weit mochte es sein bis zum nächsten Ort, an dem Menschen lebten? War es überhaupt möglich, schwimmend dorthin zu gelangen?
Immer, wenn die Sehnsucht so groß wurde, dass er nicht schlafen konnte, stolperte Julian am Strand durch den Nebel. Die Älteren erklärten Julian, die Sehnsucht würde mit der Zeit vergehen, doch ihre Prophezeiung erfüllte sich nicht. Nur die Hoffnung starb in Julian und so fand sich der junge Mann – von den Umständen gezwungen – mit seinem Schicksal ab.

Als er seinen Traum, die Insel zu verlassen, bereits vergessen hatte, sah er sie zum ersten Mal. Zunächst waren sie ihm wie Lichter vorgekommen, die an vereinzelten Stellen den Nebel durchdrangen. Als er jedoch zum Ufer lief, wurde das Leuchten immer klarer, bis er schließlich die Umrisse von menschenähnlichen Gestalten erkennen konnte. Er ging immer weiter auf sie zu, bis das Wasser seine Füße umspülte, als die Schemen plötzlich zu ihm sprachen: „Wir bringen dich auf die andere Seite des Meeres“, wisperten sie und erzählten von den Wundern, die er dort vorfinden würde.
Da erinnerte Julian sich an die Geschichten von den Sirenen, die sein Vater ihm immer wieder erzählt hatte. Angst ergriff ihn und zog ihn zurück in das Elternhaus. Seitdem sah er die Schemen jede Nacht von seinem Fenster aus. Sie waberten wie der Nebel selbst über dem Wasser auf und ab und riefen ihn. Zunächst zog er die Vorhänge zu, um sie auszusperren, doch nachdem sie ihm nichts taten und ihn nicht drängten, verflog sein Misstrauen und er begann, sich mit ihnen zu unterhalten. Sie verrieten ihm Dinge über das Festland, die er aus Büchern nicht hatte lernen können. Und sie behaupteten, dass nicht weit hinter dem Nebel die Küste einer völlig anderen Welt lag. Auch boten sie ihm an, ihn dorthin mitzunehmen, doch er vertraute ihnen noch nicht gänzlich. Es erschloss sich ihm nicht, er oder was sie waren. Oft zweifelte er an ihrer Existenz und war sich sicher, über seinem Unglück verrückt geworden zu sein.

Schließlich jedoch geschah etwas, das seine Zweifel wegwischte. In der Nacht zuvor waren die Schemen besonders hell. Sie waren näher als sonst, tanzten erstmals auch über das Land und flüsterten wild durcheinander. Julian erschrak über ihr aufgeregtes Gebaren und war sich sicher, dass auch die anderen sie nun sehen mussten.
Am Morgen hatte das Feuer bereits die Hälfte aller Felder niedergebrannt. Julian brach beim Anblick der verkohlten Erde in Tränen aus, doch die anderen Inselbewohner standen reglos neben ihm. Als Julian seinen Vater fragte, was sie nun tun würden, schüttelte dieser nur den Kopf und ging zurück in Richtung seines Hauses. Julian folgte ihm und schlug vor, ein Boot zu bauen und abseits der Insel nach einem Ersatz für das Korn zu suchen. Da wurde sein Vater wütend. Er fuhr herum und schlug seinem Sohn mit der flachen Hand ins Gesicht. Dann verschwand er im Haus und die Tür flog hinter ihm ins schloss. Julian traute sich lange Stunden nicht nach Hause. Als er sich schließlich ein Herz fasste und in die kleine Küche trat, servierte die Mutter grade eine dünne Kartoffelsuppe. Dabei murmelte sie, man müsse den Gürtel nun enger schnallen. Und das taten sie alle: Sie schnallten den Gürtel enger.
In diesem Moment begriff Julian, dass er nicht länger bei diesen Menschen bleiben konnte. Ihre Fügsamkeit brachte ihn um. Er konnte nicht mehr zusehen, wie sie ihre kleinen Leben lebten und sich jedem Schicksal teilnahmslos unterwarfen.
Als in der Nacht die Schemen wieder nach ihm riefen, folgte er ihnen, ohne zu zögern.

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Er spürte erst den Sand an seinen Füßen und dann wie die Wellen daran leckten. Als er bis zur Brust im Wasser stand, warf er sich nach vorn und tauchte ein. Die Schemen hingen in der Ferne über der Meeresoberfläche. Julian schwamm auf sie zu. Sie riefen ihn und gratulierten ihm zu seiner Entscheidung, doch blieben sie ihm fern. Und auch als er immer schneller schwamm, konnte er sie nicht erreichen. Erst als er hinter sich das Ufer nicht mehr sah, überkam ihn wieder die Angst. Waren es doch Sirenen, die ihn nun erfolgreich in die Falle gelockt hatten?
„Gleich bist du da“, flüsterten sie ihm zu und er war sich unsicher wie nie, ob sie nicht bloß Stimmen in seinem Kopf waren, die ihn in den Tod lockten. Dennoch schwamm er weiter, denn er konnte sich kaum vorstellen, dass er den Weg zurück noch meistern würde. Nein, das Rettende musste vor ihm liegen, wenn es denn Rettung geben sollte.
Allmählich spürte Julian, wie seine Glieder schwerer wurden. Die Arme hoben sich nicht länger mühelos aus den Wellen. Seit Atem ging unregelmäßig. Er war erschöpft.
Nichts wünschte er sich mehr, als sich einen Moment ausruhen zu können, um neue Kraft zu schöpfen. Er wollte sich irgendwo festhalten, denn er selbst wurde sich zu schwer. Doch da war nichts, außer der Kälte, die von unten kam und wie ein gieriges Tier an ihm zog. In der Ferne begannen die Gestalten zu kichern und zu spotten. Sie zuckten über den Nachthimmel, dass Julian die Augen schmerzten. Noch immer hörte er ihre Rufe, doch seine Muskeln brannten und er spürte, dass er sich nicht mehr halten konnte. Er wollte strampeln und kämpfen, doch sein Körper war zu müde. Bevor er in die Tiefe sank, sah er vor seinem inneren Auge noch einmal sich selbst auf jene fernen Lichter zuschwimmen, die nicht näher kamen. Das also war mit Horizont gemeint.

Julian drehte den Kopf und erkannte einen Mann, der über ihm stand und ihn musterte.
„Wo bin ich?“, fragte er.
Der Mann nannte einen Namen, den Julian noch nie gehört hatte.
Er hatte es geschafft. Also war er doch nicht ertrunken. Stattdessen hatte das Meer ihn an ein neues Ufer gespült. Julian lächelte. Er konnte sein Glück kaum fassen.
Der Fremde sah ihn verständnislos an. Dann wandte er seinen müden Blick von ihm ab und ging in Richtung der Dünen.
„Halt, wo wollen Sie denn hin?“, rief Julian ihm nach und drehte sich auf die Seite. Das Aufstehen fiel ihm schwer.
Schwankend schaute er sich um.
Die Wolken, die vom Meer aus über das Land trieben, waren regenschwer und das Wasser, das seine Füße umspülte, sah aus wie dickflüssiger Schlamm. Julian blickte dem Fremden hinterher, der immer kleiner wurde und schließlich hinter den spärlich mit Gras bewachsenen Dünen verschwand.


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Die Hasenscharte

Adrians Eltern sprechen nicht über das Etwas, das sein Gesicht entstellt. Doch er hat davon gelesen. Und er hat Fotos gesehen von Menschen, denen eine Hasenscharte über das Gesicht läuft, von der Oberlippe bis zur Nase. Er hat gesehen, wie manchen ein Schneidezahn durch das Loch im Mund lugt und wie ihre verformten Nasen mitten in den Gesichtern ihren Platz beanspruchen. Er kann sich lispeln hören.

Adrian traut sich nicht, in den Spiegel zu sehen. Vielleicht würde er es nicht ertragen können. Er weiß, dass er kleiner ist als die anderen Kinder. Sein Körper ist schwach und er kränkelt oft. Das genügt ihm. Er muss nicht auch noch sehen, wie schlimm es im Gesicht ist. In der Schule geht er nicht zur Toilette, um den Spiegeln zu entgehen.

Wenn Adrian anderen Jungen seines Alters begegnet, dann blickt er voller Bewunderung zu ihnen auf und stellt sich vor, wie es wäre, so groß und kräftig zu sein wie sie. Aber meistens ist er ohnehin allein. Er fühlt sich nicht zugehörig. Es ist, als würde seine Bewunderung ihn von den anderen Kindern abkehren, als spürten sie, dass sie in zwei Ligen spielten, der eine Bewunderer, die anderen Bewunderte.

Am seltsamsten ist es mit den Eltern. Manchmal kommt es Adrian vor, als würden sie ihn verstecken. Als schöben sie ihn hinter ihre Rücken, damit er ungesehen bleibe. Er hat sich angewöhnt, auf dem Zimmer zu bleiben, wenn Besuch kommt. Die Freunde seiner Eltern mustern ihn mit einer Mischung von Mitleid und Abscheu. Keiner will ihm beim Sprechen zusehen, und als würde das eine das andere bedeuten, will ihm auch keiner zuhören. Daher ist Adrian leise und bedacht in seinen Bewegungen, denn er weiß, dass er andere erschreckt, wenn er zu viel von sich zeigt.

Adrians Bruder ist wenige Jahre jünger und trotzdem kommt es Adrian vor, als sei er schon viel länger auf der Welt als er selbst. Jonas hat keine Hasenscharte. Sein Gesicht ist frei von jedem Makel, große braune Augen lugen unter dichtem, dunklen Haar hervor und verzaubern die Erwachsenen mit ihrem unschuldigen Blick. Adrian liebt seinen Bruder. Auch wenn er jünger ist als er, kommt es ihm vor, als sei er ein Vorbild, ein unerreichbar ferner und umso mehr bewunderter Mensch.

Es gibt im Wohnzimmer des Hauses, in welchem Adrian mit seiner Familie lebt, eine Wand, an der Familienfotos hängen. Manchmal, wenn er nachts nicht schlafen kann, schleicht Adrian sich hinunter ins Wohnzimmer, um die Wand zu betrachten. Er schließt dann leise die Tür und schaltet das Licht ein. Abgeschirmt von den Schlafenden und in eine Decke eingehüllt, betrachtet er die Fotos. Er sieht Jonas, mit stolzem Lächeln, am Tag seiner Einschulung. Er sieht die Eltern, in Anzug und Kleid, am Tag ihrer Heirat. Und er sieht in einer langen Reihe untereinander Fotos der Familie, alle drei zusammen, lächelnd, zurechtgemacht, in die Kamera blickend. Alle drei. Er selbst ist auf keinem dieser Fotos.

Adrian hegt keinen Groll gegen seine Eltern, die nur von seinem Bruder Fotos an die Wand hängen. Wenn er sich vorstellt, wie er aussieht, dann versteht er, dass sie ihn nicht auch noch ansehen wollen, wenn er grade nicht da ist. Er ist nicht traurig und verspürt keinen Neid. Sein Aussehen ist sein Schicksal und er nimmt es an. Manchmal aber überfällt ihn etwas, das er nicht benennen kann. Sein Geist scheint dann schwerer zu werden und er muss sich anstrengen, um sich zu bewegen. An diesen Tagen weicht er den Blicken der Eltern aus, wenn sie ihn doch einmal streifen. Dieses Gefühl bleibt selten länger und irgendwann ist es beim Aufwachen verschwunden. Adrian nimmt dann wieder seinen Platz ein, ohne zu fragen, und hält sich beim Essen die Hand vor den Mund. Er verspürt kein Verlangen, einen Platz an der Wand zu bekommen. Es gibt keinen Grund, nicht einverstanden mit seinem Fehlen dort zu sein. Er ist, was er ist.

Einmal im Jahr jedoch schmerzt es ihn. Dann schmilzt sein Verständnis für sein Schicksal und er wünscht sich brennend, die Hasenscharte möge aus seinem Gesicht verschwinden und durch einen so ebenmäßigen Mund ersetzt werden, wie Jonas ihn hat. An diesem Tag fährt seine Familie zum Fotografen, um das jährliche Familienfoto machen zu lassen. Auch wenn Adrian es versteht, dass ihm kein Platz an der Wand zugeteilt wird, so verlangt es ihn doch danach, gemeinsam mit seiner Familie die schöne Kleidung anzuziehen und dann, in eine Wolke von Anmut gehüllt, die Tür zum Laden des Fotografen aufzustoßen. Es verlangt ihn danach, sich vor dem blaugrauen Hintergrund zu positionieren und die Hände seiner Eltern auf den Schultern zu fühlen. Es verlangt ihn danach, dieses Lächeln zu lächeln, das Jonas auf all den Fotos zeigt: Das Lächeln eines Jungen, der weiß, dass ihm die Welt zu Füßen liegt und der seine Geborgenheit in jeder Pore spürt. Danach am allermeisten.

Aber Adrian bleibt immer im Auto sitzen. Seine Eltern steigen mit Jonas aus, es ist nicht der Erwähnung wert. Wenn sie wiederkommen, tragen sie eine beigefarbene Mappe bei sich, in welcher ein glänzendes Foto steckt. Ein Foto, auf welchem ein noch hübscherer Jonas lächelt als im Jahr zuvor. Ein Foto, auf welchem die gleichen glücklichen Gesichter der Eltern strahlen. Ein Foto ohne ihn.

Und in einem Jahr schmerzt es plötzlich besonders. Jonas ist herausgeputzt und trägt sein erstes Hemd. Der Kragen lässt sein Gesicht schmaler wirken und nimmt ihm die kindlichen Rundungen. Adrian kann nicht aufhören, seinen Bruder anzusehen.

Als Jonas Adrians Blick bemerkt, fragt er: „Was schaust du denn so komisch?“

Aber Adrian kann nicht antworten. Etwas steckt in seiner Kehle und macht sich breit, sodass kein Laut mehr von seinen Stimmbändern zu seinem Mund gelangen kann. Er hat ein Gefühl, als breche eine Mauer in ihm ein. Plötzlich füllen Tränen seine Augen. Er kann es nicht verhindern. Eine heftige Trauer überfällt ihn und er empfindet die Ungerechtigkeit seines Schicksals zum ersten Mal. Er bemüht sich verzweifelt, sich zu beruhigen, und die ruhige Akzeptanz wieder herzustellen, die ihn bisher begleitet hat. Aber sobald er Jonas anblickt, stürzt wieder alles in sich zusammen.

Als seine Eltern das Auto parken und den Motor ausstellen, atmet Adrian tief ein, in einem letzten Versuch, seine vormalige Haltung wiederzuerlangen. Doch als sie die Türen hinter sich zuschlagen und sich nicht einmal nach ihm umdrehen, kann er die Tränen nicht mehr halten. Er wünscht sich so sehr, an der Stelle dieses Jungen zu sein, der sein Bruder ist, den er liebt, und der ihm doch fremder ist als alles andere auf der Welt.

Ein starkes Verlangen ergreift ihn, seine Hässlichkeit in vollem Ausmaß zu sehen, den Grund festzuhalten, der ihn so abscheulich macht.

Die Eltern haben das Auto nicht abgeschlossen. So schnallt Adrian sich ab und steigt aus. Schnellen Schrittes und mit vernebeltem Blick wendet er sich in Richtung des Einkaufszentrums, in dem seine Eltern immer ihren Wochenendeinkauf tätigen. Dort angekommen entdeckt Adrian schnell den Fotoautomaten. Jedes Mal, wenn er mit seinen Eltern einkaufen war, hat er einen großen Bogen darum gemacht. Der Automat und seine Erzeugnisse schienen ihm verachtenswert im Vergleich zu den Fotos, die seine Eltern vom Fotografen mitbrachten. Aber nun erscheint es Adrian genau die richtige Abstufung zu sein: Seine Eltern sitzen mit ihrem schönen Sohn beim Fotografen und lassen sich für viel Geld verewigen, während der Hässliche sich in die Fotokabine zwängt und den Vorhang hinter sich zuzieht.

Adrian schiebt das Geld in den Automaten und es kommt ihm vor, als schlucke das Gerät gierig die Münzen, gleichgültig gegenüber der Hässlichkeit seiner Aufgabe, unfähig, sich zu weigern, den Jungen mit der Hasenscharte zu fotografieren. Adrian setzt sich auf den Hocker und blickt gradewegs in die Kamera. Er bemüht sich nicht, ein freundliches Gesicht zu machen. Diese Fotos wird er niemandem zeigen. Es sind Bilder für ihn, Bilder die ihn wieder verstehen lassen werden, weshalb er nicht mit hineingehen darf zu dem Fotografen, warum es richtig ist, ihn außen vor zu lassen.

Der Automat beginnt zu piepen. Das Piepen wird schneller. Dann folgt ein Klicken und ein Blitz erhellt kurz die Kabine.

Jetzt ist es geschehen, denkt Adrian. Sein Magen krampft sich zusammen. Jetzt ist seine Hässlichkeit verewigt.

Er bewegt sich nicht, als der Automat wieder zu Piepen beginnt. Nachdem noch drei weitere  Male ein greller Blitz durch die Fotokabine gezuckt ist, wird Adrian aufgefordert, eines der Fotos auszuwählen. Er sieht nicht hin und drückt auf das Erstbeste. Der Automat beginnt leise zu brummen.

Adrian bleibt still auf dem Hocker sitzen und wartet. Schließlich schiebt sich aus dem Schlitz an der Vorderseite des Automaten ein glänzendes Papier.

Adrian betrachtet es aus dem Augenwinkel, ohne es richtig ansehen zu wollen. Wird er es ertragen können?

Er schließt die Augen und streckt die Hand nach dem Papier aus. Daumen und Zeigefinger schließen sich um die glatte Oberfläche des Fotos und die rauere Rückseite. Von dem Papier scheint eine elektrische Spannung auszugehen.

Adrian atmet tief ein, dann schlägt er die Augen auf und blickt auf das Foto. Blickt in sein Gesicht, das ihn aus vier identischen Bildern heraus ansieht. Etwas irritiert ihn. Er blinzelt heftig, kneift die Augen noch einmal fest zusammen und öffnet sie erneut.

Er hat sich nicht getäuscht.

Da ist keine Hasenscharte.


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Einmal mehr wünsche ich mir Magie

Wenn ich all die Wünsche,

die ich an dich gehabt habe,

zu Geld machen könnte,

wäre ich reich.

Wenn ich all die Jahre,

die ich auf dich gehofft habe,

verschwenden könnte,

hätte ich Zeit.

Wenn all die Male,

die du mich ablehntest,

Grund zur Freude gewesen wären,

wäre ich glücklich.

Aber niemand kann die Dinge

in ihr Gegenteil verkehren.


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Kein Heimvorteil – Ein Psychologenkind im Wahnsinn (volle Version)

Ich wurde als Kind zweier Diplompsychologen geboren. Man könnte annehmen, dass ich die beste Erziehung genossen habe. Schließlich haben meine Eltern fünf Jahre Bücher gewälzt und ihr Innerstes nach Außen gekehrt. Aber. Aber! Es gibt einen Unterschied zwischen dem adäquaten Umgang mit den Klienten und dem eigenen Kind. Psychologie funktioniert subtil. Und mit den Patienten ist ein subtiler Umgang ratsam, wenn man nicht ständig eine Klage wegen Beleidigung am Hals haben will. In der Beziehung zum eigenen Kind jedoch können Doppelmoral und zusammenhanglose Bestrafungen seltsame Verhaltensweisen auslösen.

Und so ging es mir als Kind dieser überpsychologisierten Eltern: Ich wurde seltsam und kam mir auch so vor. Aber dann fand ich bei meiner Mutter ein Buch: Anna Freud – Psychoanalyse für Pädagogen.

Dieses Buch wurde zu meiner Bibel. Das Gefühl des Seltsamseins löste sich auf und an seine Stelle trat ein umfassendes Verstehen und eine Erleichterung über mein Freisein von aller Schuld. Ich erfuhr, wie ich Entwicklungsstufe um Entwicklungsstufe gegen die Wand gefahren wurde. Als erstes in der oralen Phase,  in der das Urvertrauen des Kindes entwickelt werden soll. Meins nicht. Nach dem Abitur tat ich mich schwer mit der Berufswahl: Medizin, Jura, Mathematik, Biologie, Geschichte…Alles schien mir zu gering, kurz und gut: zu klein. Aber woher mochte das rühren? Die Antwort auf diese Frage fand ich in meiner oralen Phase.

Meine Mutter hatte schon immer eine recht kleine Oberweite. Die ersten neun Monate meines Lebens säugte sie mich aus diesen kleinen Brüsten. Da aber ein Baby seine Umgebung nur mit dem Mund erforscht und wenig anderes tut als schlafen und saugen, kam mir die A-Körbchen Welt, in der ich mich bewegte, entsetzlich klein vor. Ich suchte nach einem Halt, aber da war nichts. Mein oral-kaptatives Antriebserleben verfing sich in Brustbeinen und Schulterblättern. Seitdem ist in mir der Wunsch nach etwas Größerem. Es zieht mich in Weltstädte und zu riesigen Themenbereichen. Die Welt ist nicht genug für mich. Auch mein Jurastudium befriedigt mich nicht. Daher erwäge ich nun, Astronomie zu studieren – um an unserem Universum einmal wahre Größe zu erfahren.

Meiner kleinen Welt wurde ein plötzliches Ende gesetzt. Mit neun Monaten erkrankte ich an Lungenentzündung. Ich musste ins Krankenhaus und die kleinen Brüste meiner Mutter stellten schwupp di wupp ihre Milchproduktion ein. Als ich zurückkehrte, war nichts mehr wie zuvor. Man hatte meine kleine Welt durch NUK-Fläschchen mit Elastiksaugern ersetzt. Das Trauma setzte sich fest. Vierzehn Jahre nach meiner Erkrankung stellte ich das Essen ein, wohl mit dem Hintergedanken, an den Tropf zurückzukehren.

Auch in der analen Phase lief es trotz des Fachwissens meiner Eltern nicht besser. In dieser Phase lernen Kinder, aufs Klo zu gehen. Es geht um Autonomie, darum, wann sie den Besitz ihres Körpers abgeben und wann sie ihn behalten. Kinder, die streng zur Reinlichkeit erzogen werden, können grobe Schäden davontragen. Ich brauchte mit grade zwei Jahren nicht mehr gewickelt zu werden. Das Thema Kot war ein peinliches und ich sollte mich nicht damit auseinandersetzen. So entwickelte ich mich schon früh zur Zwangsneurotikerin. Ich ziehe noch heute zwanghaft Stecker und behandle den Dreck dieser Gesellschaft mit neurotischer Arroganz, um ihn mit meinem zwanghaften Ordnungswahn zu eliminieren. Böse Kommentare oder abwertende Blicke entschlüpfen mir unkontrolliert. Seit ich den Grund dafür kenne, backe ich öfter Kuchen. Das soll Kindern anstelle von Kot dazu dienen, ihr intentionales Antriebserleben auszuleben.

Da meine Psychologen…äh…Eltern nach dem Motto „Wenn schon, denn schon“ handelten, nun meine phallische Phase: Die Entwicklung von Kindern vollzieht sich in Stufen. Jede Phase baut auf der vorherigen auf. Beim Eintritt in die phallische Phase war ich mit Fixierungen aus der oralen und der analen Phase gespickt.

Man glaubt gar nicht, was man bei Kindern alles falsch machen kann! Eigentlich denkt man ja, es sei nur recht und billig, wenn das eigene Kind nicht in die Toilette greift und mit seinem Kot spielt, aber mich hatte das zur Zwangsneurotikerin gemacht. Derartig prädisponiert sollte ich die sexuellen Beziehungen erforschen. Mir boten sich keine besonders guten Aussichten. Wenige Monate zuvor hatten meine Eltern sich getrennt und mein Vater war hinter der Fassade seiner Minibar verschwunden. Während andere Mädchen ihre Väter unter der Dusche beobachteten, konnte ich nichts Derartiges tun.

In der phallischen Phase wollen Kinder das andersgeschlechtliche Elternteil ganz für sich gewinnen. Gleichzeitig versuchen sie, das gleichgeschlechtliche Elternteil zu ersetzen. Diese Möglichkeit war mir durch das Fehlen eines Vaters genommen. Ich entwickelte eine blühende Phantasie, um das Fehlen meines Vaters zu kompensieren. Man sah mich häufig wild gestikulierend umhergehen, mit Gegenständen sprechen und nicht vorhandenen Personen zuwinken. Auch heute noch habe ich Probleme mit meiner sexuellen Identität und fühle mich aufgrund der langen Zeit, die ich allein verbracht habe, mir selbst am nächsten. Ich finde meinen eigenen Körper unheimlich attraktiv. Mir ist noch niemand begegnet, der mit mir mithalten konnte.

Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie sehr mir Anna Freuds Buch geholfen hat. Ich verstehe nun, wie das Verhalten meiner Eltern mich geprägt hat: der Alkoholismus meines Vaters, die Kleinbusigkeit meiner Mutter, meine frühe Erziehung zur Reinlichkeit. Ich erwarte von meinen Eltern nicht mehr, dass sie ihr Verhalten reflektieren. Ich bin bereit, alles zu vergeben, insbesondere meine eigenen Fehler. Denn der freie Wille ist eine Illusion. Und selbst ausgebildete Psychologen können sich ihren eigenen frühkindlichen Phasen nicht entziehen. Selbst Psychologen sind am Ende nur Menschen.


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Kein Heimvorteil – Ein Psychologenkind im Wahnsinn (erschienen in der Noir 27)

Unter folgendem Link findet sich der Artikel, der von mir in der 27. Ausgabe der Noir, dem badenwürttembergischen Studentenmagazin, erschienen ist. Er ist auf den Seiten 22/23 zu lesen.

http://jpbw.de/v2/download/publikationen/noir/noir27.pdf