Theresa Rath

Autorin


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Zwangsgedanken

Es kann ganz harmlos anfangen: Du befindest dich auf den Weg zur Arbeit und gehst über die Straße. Da läufst du einem Kollegen über den Weg.

„Guten Morgen“, grüßt er dich und du grüßt zurück: „Hi.“

Er geht weiter und du gehst weiter und alles ist völlig normal. Du hörst noch seinen Gruß in Gedanken und siehst sein Gesicht. Erst nach ein paar Metern kommt dir das kleine Wörtchen „Hallo“ in den Kopf. Hallo.

Du hast hi gesagt, nicht hallo. Du stellst dir die Szene vor, wie sie nicht gewesen ist: Dein Kollege läuft dir über den Weg, sagt „Guten Morgen“. Du siehst ihn an und erwiderst: „Hallo.“ Zwei Silben. Hal-lo. Hallo also. Nicht hi. In dem Moment als es beginnt, weißt du, dass es völlig gleich ist, ob du hallo oder hi gesagt hast, den Kollegen kannst du ohnehin nicht leiden. Aber der Gedanke lässt dich nicht mehr los: Wieder und wieder siehst du ihn und dich über die Straße gehen und du sagst langsam und betont oder schnell und genuschelt oder gedehnt und eitel die zwei Silben: Hallo.

Und er sein Guten Morgen. Guten Morgen, hallo, guten Morgen, hallo, guten Morgen – aber in Wirklichkeit hat sich bei dir dieses kleine Hi eingeschlichen. Das geht nun schon zu lange. Das ist kein einfaches Sich-Vostellen-Wie-Es-Hätte-Anders-Sein-Können mehr. Das ist schon ein Schleifendenken. Ein sich Aufhängen an unabänderlichen Unabänderlichbarkeiten. Das macht schon keinen Spaß mehr.

Während du weitergehst, Richtung Arbeit, und dich dabei Mal um Mal die Straße überqueren siehst, kommt dir der Gedanke, dass du für immer über die Straße gehen musst. Für immer über die Straße gehen und hallo sagen. Für immer. Und die Schleife wiederholt sich und du denkst immer weiter, du hättest hallo gesagt, und mit jedem Mal, dass du hallo denkst, wird dein hi schlimmer, dein hi, das du gesagt hast, anstelle eines einfachen, richtigen hallo. Das kennst du schon. Der Wasserhahn. Weißt du noch, der Wasserhahn? Du hättest ihn abwischen sollen, nachdem du ihn zugedreht hattest, damals. Hast du aber nicht. Beinahe hättest du dein ganzes Leben lang im Kopf Wasserhähne abwischen müssen, wärest du nicht noch einmal umgekehrt und hättest ihn in Wirklichkeit abgewischt. Danach war Schluss. Danach musstest du dir nicht mehr vorstellen, du hättest den Wasserhahn abgewischt, denn du hattest ihn ganz real abgewischt. Danach war gut. Ende.

So ist es jetzt auch: Entweder fährst du wieder und wieder denselben Looping in deinem Kopf oder du kehrst um, holst deinen Kollegen ein, während er dir noch einmal zunickt, und sagst: „Hallo, weißt du, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben, nicht hi.“ Und dann kannst du gehen. Ob es komisch ist? Natürlich ist es komisch. Es ist total komisch. Aber du hast die Wahl: Komisch oder Schleife. Komisch oder Schleife. Komisch oder – Vorsicht, Schleifengefahr.

Also läufst du ihm hinterher. Du musst schnell gehen und nach fünf Minuten hast du ihn eingeholt. Du rufst ihn und – sagst du es? Traust du dich?

Du sagst: „Hi, ich wollte nur sagen, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“ Und er starrt dich komisch an und schüttelt den Kopf und denkt, du willst ihn zum Narren halten, aber das kann dir jetzt egal sein, du bist jetzt in Sicherheit, du hast es gesagt, du hast – aber, Moment! Scheiße! Scheiße! Hast du etwa grade gesagt: „Hi, ich wollte nur sagen…“ Du drehst dich um, der Schreck steht dir ins Gesicht geschrieben. Dein Kollege ist bereits um die nächste Ecke verschwunden. Und du sitzt auf deinen falschen Worten. Du hast schon wieder hi gesagt. Hi, ich wollte sagen, dass ich nicht hi sagen wollte. Wie bescheuert ist das denn? Warum hast du es denn schon wieder falsch gemacht? Jetzt ist es ja noch komplizierter… Dein Fehler macht dich fast wahnsinnig. Hättest du nur dieses Mal von Anfang an hallo gesagt. Hättest du nur einfach gesagt: „Hallo, weißt du, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben, nicht hi.“ Oder: „Hallo, ich wollte nur sagen, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“ Aber du hast es versaut. Du hast schon wieder hi gesagt. Und anstatt, dass nun alles besser ist, dass du die Schleife jetzt beendet hast, musst du dir vorstellen, wieder und immer wieder, wie du umdrehst, zu ihm gehst und sagst: „Hallo, ich wollte nur sagen, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“

Kannst du nun noch einmal zu ihm gehen? Das wäre wirklich zu komisch. Stell dir nur vor, dieses Mal müsstest du hingehen und sagen: „Hallo, ich wollte nur sagen, dass ich grade sagen wollte: Hallo, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“

Und stell dir des Weiteren vor, du hättest stattdessen gesagt: „Hi, ich wollte nur sagen, dass ich grade sagen wollte: Hallo, ich wollte eigentlich grade hallo gesagt haben und nicht hi.“

Und dann müsstest du schon wieder zu ihm gehen und sagen: „Hallo, ich wollte nur sagen, dass ich grade hallo und nicht hi sagen wollte, als ich dir grade sagen wollte, dass ich dir grade sagen wollte, dass ich vorhin irgendwann einmal hallo und nicht hi sagen wollte.“

Aha. Aha – haha. Das wäre ganz schön blöd, oder? Und wenn du dann noch einmal statt hallo hi sagen würdest, dann würdest du irgendwann doch völlig vergessen, was du eigentlich sagen wolltest. Und dabei war es am Anfang nur ein klitzekleines Wort. Und dann stehst du da und sagst: „Hallo, ich wollte nur sagen, dass ich eigentlich hallo sagen wollte, nicht hi, als ich dir vorhin sagen wollte, dass ich vorhin einmal, als ich dir sagen wollte, dass ich nicht hi sondern hallo sagen wollte, dir sagen wollte, dass ich nicht hi meinte, sondern hallo.“ Oder so. Und ich wette, du verzählst dich. Und dann musst du es rekonstruieren in deinem Kopf. Und dann verfranst du dich, und irgendwann ist die Reihe so lang, dass du am Ende nicht einmal mehr weißt, ob du wenigstens dieses Mal am Anfang hallo anstatt hi gesagt hast, und um dir sicher sein zu können, musst du es noch einmal tun. Wenn du dann noch nicht längst auf irgendeiner Aufnahmestation gelandet bist, wo sie deinen geistigen Zustand überprüfen.

Also, mein Freund, was lernen wir daraus? Überlege dir immer gut, ob du lieber hallo oder hi sagen willst.